Der Universalienstreit und das Geld

Im gestrigen Artikel bitte hier klicken ging es ja um die schwierige Frage, wie mit Abbildungen auf Münzen umgegangen werden kann und was eine Abbildung eigentlich bedeutet.

Im Universalienstreit, der einem auch Einblick gibt, wie sich die katholische von der orthodoxen Kirche unterscheidet, wird dem vertiefend nachgegangen.

In dem Zusammenhang mag es vielleicht interessant sein, wie das Abbild unserer Lieben Frau, der Gottesmutter, zu verstehen ist, das unter sehr merkwürdigen Umständen entstand und uns heute noch erhalten geblieben ist. Genauer: Um das Abbild der Jungfrau Maria in Guadalupe, Mexiko.

Die verschiedenen Mutter Gottes Erscheinungen waren für den Vatikan poltitikbestimmend, wie in künftigen Artikeln erzählt werden wird und insbesondere eine Kraft, die wirksam das kommunistische Experiment unterbrach und so dem Siegeszug des kapitalistischen Geldsystem eine große Stütze war.

Also, der Universalienstreit in Kürze!

Es sei ein Streit der Scholastiker gewesen, denen es im 14. Jahrhundert vor allem um die Frage gegangen sei, woher unsere Allgemeinbegriffe stammen und was ihnen in der Wirklichkeit entspreche.

„Drücken sie das allemeine Wesen der Dinge aus, hieß diese Frage, oder sind sie einfach nur Etiketten, bloße Namen, lateinisch nomina, die den Dingen einfach nur mehr oder weniger äußerlich zu ihrer Bezeichnung angehängt werden.“

In der Nachfolge des heiligen Augustinus habe das Mittelalter die Lehre Platos übernommen, wonach hinter allen Erscheinungen quasi himmlische Vorbilder, Begriffe oder Ideen stünden, von denen sich alle Erscheinungen als deren Abbilder herleiteten.


Platon (Der Bedeutung des Zeigefingers wird noch nachgegangen)

Also eine Idee des Baums hinter jedem Baum, eine Idee der Eiche hinter jeder Eiche und so weiter und so fort.

„Im Islam, der noch in vielerlei Hinsicht ein antikes Weltbild vermittelt, ist deshalb von Begriffen wie ‚Mutter des Buches‘ oder ‚Mutter aller Schlachten‘ die Rede, die im Orient natürlich überhaupt nicht ironisch verstanden werden.“

Besonders wichtig sei diese Sicht für die Ostkirche und für deren Verständnis ihrer Bilder. „Im Osten sind sie immer Abbilder eines himmlischen Originals. Ohne diese Sicht lassen sich zum Beispiel Ikonen überhaupt nicht verstehen. Ikonen verweisen immer geradewegs auf das Heilige im Himmel, sie sind also wie ein Blick durch ein Fenster oder in einen Spiegel. Jede Marienikone weist dort auf Maria hin, jede Jesusikone auf Jesus. Und mehr noch: Die Ikone ist nicht nur Abbild, das auf ein fernes Urbild im Himmel hinweist, sondern dieses Urbild ist im Abbild auch irgendwie gegenwärtig.


Ikone

Das erklärt auch den ehrfürchtien Umgang mit den Ikonen in der östlichen Kirche. Sie verweisen nicht nur auf das von ihr Abgebildete, sondern dieses Urbild wird durch sie zugleich gegenwärtig. Es leuchtet selbst in ihr auf.

Darum sind die Bilder im großen Bilderstreit auch so leidenschaftlich von der Kirche gegen all jene verteidigt worden, die Bilder für eine Gotteslästerung hielten – als wären sie geschnitzte Götzen. Im Osten gelten alle Bilder als Spiegel und Abbilder des Urbilds.“

Im Westen hätten dagegen die so genannten Nominalisten des Mittelalters – unter denen Occam wohl die bedeutendste Rolle spielte – diesen Zusammenhang bestritten und diese auf Plato zurückgehende Weltsicht preisgegeben.


Wilhelm von Occam

„Sie behaupteten, man müsse sich jedem Ding und jeder Erscheinung einzeln nähern. Gott hat die Welt weder nach einem Urbild noch nach einer Matrix noch nach einer Bildmutter geschaffen. Und auch weiterhin schafft er das Leben nicht nach fertigen Vorbildern, sondern immer wieder neu. Man muss alles einzeln und für sich betrachten.“

Deshalb gebe es streng genommen auch keine Abbilder. Jedes Ding – und jeder Mensch erst recht – stehe ganz für sich. Die Nominalisten bestritten also, dass es ein „himmlisches“ Reich ewiger und unveränderlicher Urbilder, Ideen oder Begriffe gebe, deren unvollkommener Abklatsch unsere Erfahrungswelt sein soll. (Siehe dazu auch den Antinominalisten Nicolaus von Oresme hier) Es gebe also auch keine Urbilder, die Gott als vorgegebenes Muster dienten, nach denen er die Welt geschaffen hätte. So hatten es sich Plato und nach ihm viele christliche Theologen vorgestellt.

Denn das würde nach den Nominalisten Gottes Freiheit unakzeptabel einschränken. Pater Raynalds Augen blitzten: „Ihnen zufolge gibt es keine vorgegebene Ordnung oder Gesetze, denen Gott unterworfen wäre. Jede Ordnung unserer Welt verdankt sich im Gegenteil ganz der Freiheit Gottes. Die tatsächliche Ordnung unserer Welt könnte darum auch ganz anders sein. Gott muss sich nicht selbst an die von ihm der Welt gegebenen Ordnung halten, auch wenn er das gewöhnlich tut.

Denn er hat sie in Freiheit gegeben. Er hat deshalb auch selbstverständlich die Freiheit, jederzeit in diese Ordnung einzugreifen und Wunder zu wirken.

Ich brauche nicht zu betonen, dass dieses Weltbild Wilhelms von Occam der Wahrnehmung von Wundern und wunderbaren Erscheinungen einen enormen Raum geöffnet hat. Denn diese neue Weltsicht lässt viele Phänomene zu, die von anderen ‚wegerklärt‘ werden müssen, ‚weil nicht sein kann, was nicht sein darf‘.

Den Nominalisten zufolge ist im Gegenteil alles möglich. Das macht die souveräne Freiheit Gottes möglich. Er kann jederzeit in die Welt eingreifen und, wenn es ihm gefällt, ihre Gesetze durchbrechen und Überraschendes und Nicht-Vorhersehbares bewirken – so wie es der biblische Gott immer wieder in der Geschichte getan hat, im Gegensatz zu den berechenbaren Göttern der Antike.

Der Gott der Bibel, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesu ist ganz frei, er muss sich deshalb auch an nichts halten, weder an ein Vorbild noch an ein Urbild. Er hält sich zwar meistens an die Gesetze, die er geschaffen hat, jedoch aus eigener freier Beschränkung. Aber er muss es nicht. Er ist völlig fei!“

„Wollen Sie damit sagen, dass dieser christliche Streit über Urbilder und Abbilder der Freiheit des modernen Menschen das Tor geöffnet hat? Dass wir diesem Streit über Bilder unsere Freiheit verdanken?“, warf ich ein.

„In gewissem Sinne: Ja! Und das ist wohl der entscheidende Punkt der ganzen Auseinandersetzung. Denn der Mensch blieb in diesem Streit ja weiterhin nach Gottes Ebenbild geschaffen, so wie die Bibel es festhält. Deshalb muss jede Vorstellung, die Menschien in diesem Kulturkreis von Gott entwarfen, auch radikale Konsequenzen für ihr Menschenbild haben. Das war der revolutionäre Kern des Streits.

Schon bald führte dieser frische Ansatz deshalb auch zu einem neuen Blick auf die Natur und ihre Erscheinungen. Jedes Ding – und jeder Mensch erst recht – galt nun nicht mahr als unvollkommenes Abbild eines himmlischen Originals, sondern stand plötzlich ganz für sich.

Seitdem sind die Dinge vor allem auch keine ‚Massenware‘ mehr. Von einem Urbild kann man ja beliebig viele Abbilder machen, die zwar in Nebensächlichkeiten verschieden, aber im Wesen alle gleich sind.

Wenn es aber kein allgemeines ewiges Urbild mehr gibt, dann bekommt plötzlich das einzelne Ding, das Individuum, eine ganz neue Würde.

Es gibt nur individuelles Sein, kein allgemeines, das dürfte eines der Grundprinzipien des mittelalterlichen Nominalismus gewesen sein. Es war der Durchbruch des Individuums!“

Gleichzeitig war es auch der entscheidende Durchbruch zur Entzauberung und Enttabuisierung aller Erscheinungen. Danach konnte man sich jedem Phänomen ohne Furcht vor Verletzungen oder Beleidigungen irgendeines himmlischen Originals zuwenden.

Damit bekamen die Erfahrungen einen Rang in den Wissenschaften, die sie in dem platonisch inspirierten Weltbild nie gehabt hatten; dieses Prinzip war eine der wichtigsten Weichen für das Entstehen der modernen Naturwissenschaften.

In der Malerei aber musste der Gedanke in letzter Konsequenz natürlich irgendwann zur abstrakten Malerei führen, zu den Bildern als eigenen neuen Geschöpfen. Sie brauchten ja von diesem Zeitpunkt an nichts mehr wirklich abzubilden.“ Erschöpft legte Pater Raynald eine Pause ein.

Natürlich könnte man das alles nicht so sauber trennen wie hier am Tisch, griff nun Pater Claus wieder in die Belehrung ein. Zum Beispiel müsse man zu Wilhelm von Occam sagen, dass er weniger radikal war. Er gelte als so genannter Konzeptualist, er habe also eine gewisse Kompromissform angenommen.

Gott sei nach ihm zwar ganz frei, dennoch habe er die Welt so geschaffen und erlöst, wie er sie geschaffen und erlöst habe und nicht anders – auch wenn er sich anders hätte offenbaren können, wenn er es gewollt häte. Es sei ein weites Feld. Denn auch wenn die Nominalisten zwar im Großen und Ganzen in diesem Streit gesiegt hätten, würden – wie bei jedem richtig großen Streit – beide Denkrichtungen in gewisser Weise ja doch noch bis heute bestehen und weiterhin im Widerstreit sein.

Kardinal Ratzinger zum Beispiel, der Hüter der katholischen Glaubenslehre in Rom, sei geradezu ein klassischer Platoniker, fügte Pater Claus mit maliziösem Lächeln hinzu.

Sobald auch nur ein Thema gestreift werde, sehe der Glaubenshüter immer gleich in aller Klarheit das ganze himmlische System dahinter – und könne es dann in den meisten Fällen gleich besser erklären als der Fragesteller, selbst bevor die Frage richtig gestellt worden sei. Dieses visionäre Verstehen sei auch durch die Berichte andersgearteter Einzelfälle kaum zu erschüttern.

Was aber, fragte ich die beiden Franziskaner am Schluss, wäre zu erwarten, wenn wir in unserer Zeit plötzlich Bilder entdecken würden, die Urbild und Abbild zugleich seien?

In Turin hat vor hundert Jahren ein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess begonnen, der manche Beobachter das Bild auf dem Tuch inzwischen als einen „Schatten des Lammes“ bezeichnen lässt: als Abglanz einer anderen unerforschten Dimension.

Was aber, wenn auch für das Bild in Mexiko zutrifft, was früher von dem Turiner Grabtuch angenomen wurde, dass es ein acheiropoietos sei, „nicht von Menschenhand gemalt“?

Und was ist mit jenen zwölf Marienikonen, die weltweit als „vom Evangelisten Lukas gemalt“ gelten – wie das uralte Gnadenbild von Tschenstochau, zu dem ganz Polen seit Jahrhunderten strömt? Muss dann der Universalienstreit vielleicht neu aufgerollt werden?

Oder was könnte eine solche Fragestellung heute einleiten, wenn wahr ist, dass der Universalienstreit die Moderne angebahnt hat? Was wird, wenn wir mitten in der seriellen Bilderflut der Moderne plötzlich mit der Entdeckung konfrontiert werden, dass es in unserer Welt auch wahre und lebendige Bilder gibt?

Was wird sein, wenn sich im Überfall der neuen Bilder- und Zeichensprache unserer Zeit herausstellen sollte, dass es in Turin und Mexiko „Dinge“ gibt, in denen Urbild, Abbild und Bild in eins zusammenfallen, nicht als Kopie, nicht als Plagiat, sondern die in sich selbst wahr und vollkommen sind?

Lässt dann diese Erkenntnis nicht – zumindest für die Christenheit – noch einmal eine letzte kopernikanische Wende für das neue Jahrtausend erwarten, mit einer völlig neuen Hinwendung zur Welt? Hatte ich ein Glas zuviel getrunken?


Paul Badde

Quelle:
Paul Badde Maria von Guadalupe – Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb List Taschenbuch, Berlin 2005

Nachdrücklich wird empfohlen, dieses informative und äußerst spannend geschriebene Buch im Buchhandel zu erwerben.

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