Der Philosoph Miura Baien zum Geldsystem

Japan während der Edo-Zeit (1603-1867)

Können Sie sich einen Kant oder Hegel vorstellen, den heutige Mathematiker zu Rate zögen, um Aufschluß über die Chaostheorie oder die fraktale Geometrie zu erhalten?

Der zugleich eine integrierte Wirtschaftsweise auf Grundlage eines Yin-Yang-Währungssystems empfahl und so liberal dachte, daß er Frauen als gleichberechtigte Partner im gesellschaftlichen System betrachtete?


Miura Baien

Die Person, auf die diese Beschreibung zutrifft, ist ein japanischer Philosoph namens Miura Baien (1723-1789).

Miura Baien war selbst in der westlichen Bedeutung des Begriffs ein wahrer Philosoph. Er studierte nicht nur wie die meisten der zeitgenössischen Gelehrten die alten Texte, sondern auch die Natur und arbeitete wie die westlichen Philosophen an grundlegenden Prinzpien und universalen Kategorien. Obwohl einige seiner Vorstellungen von der Natur veraltet waren (so bekannte er sich z.B. in seinen frühen Arbeiten immer noch zur ptolomäischen Sicht des Sonnensystems, stellte es jedoch später selbst in Frage), war er in anderer Hinsicht seiner Zeit weit voraus. Er war beispielsweise ein Vorläufer des Westens beim Thema des linguistischen Problems in der Philosophie oder der postmodernen Kritik an der Fähigkeit des Menschen, die Natur an sich zu verstehen.

Miura Baiens Grundsatz hieß jori, die gleichzeitige Beobachtung der Wirklichkeit in ihren Yin-Yang-Polaritäten sowie ihrer letztlichen und notwendigen Einheit jenseits der Erscheinung der Polaritäten.

Dieses Prinzip umschrieb er mit einer faszinierenden Metapher:

„Wenn Dinge, die wir als einander entgegengesetzt betrachten, sich zu einer Einheit verbinden, muß es sich um wahre Gegensätze handeln, und wenn sie wahre Gegensätze sind, werden sie eins, wenn sie sich verbinden.
Das läßt sich mit einem Artefakt verdeutlichen, mit der Verbindung von Zapfen und Zapfenloch. Gibt es nur die geringste Unebenheit, halten sie entweder nicht zusammen, oder sie verkeilen sich. Wenn sie keinen wirklichen Gegensatz bilden, können sie nicht eins werden. Sofern Artefakte einander kunstfertig gegenübergestellt werden, sind sie getrennt, und wenn sie zusammengefügt werden, verbinden sie sich nahtlos.“

Miura Baien schlug als lokale Währungen Quittungen über Lagerbestände an Reis vor, ein Konzept, das stark an das ägyptische System erinnnert und ebenfalls eine Demurrage-Gebühr umfaßte.

Baien zufolge sollte eine Währung in erster Linie ein Tauschmittel sein. Verwendet man sie gleichzeitig zur Wertaufbewahrung, hat das negative Folgen, eine Aussage, die der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Verfassungsrichter Dieter Suhr vor nicht allzu langer Zeit wissenschaftlich belegte.

Ein weiterer Punkt, der in einer stark hierarchisch und patriarchalisch bestimmten Gesellschaft besonders überrascht, ist Baiens ausgeprägt liberale Ansicht zur möglichen Rolle der Frau.

Er verwendete sogar die Bezeichnung danjo (=“Mann-Frau“) zur Beschreibung des Menschen anstatt des gebräuchlichen hito (=“Mensch“, ein Begriff, der sich im Japanischen auf alle Menschen bezieht, implizit aber maskulin ist).

Obwohl er damals wie heute als Philosoph hohes Ansehen genoß, wurde sein Währungssystem nur zum Teil in einigen Regionen Japans zur Edo-Zeit umgesetzt, und seine Ansicht über Frauen fand keinen Widerhall.

Dennoch ist sein Beispiel interessant, denn es bietet uns einen weiteren historischen Beleg für die Verbindung zwischen Wirtschaftssystemen des Yin-Yang-Typs und der Ehrung des Weiblichen.

Quelle; Bernard A. Lietaer Mysterium Geld – Emotionale Bedeutung und Wirkungsweise eines Tabus S. 242f

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