Petrarca schaut erstmals den Raum und beichtet

Um zu verstehen, was diese Beichte mit dem Geldsystem zu tun haben soll, bitte ich, den Prätext bitte hier klicken vorab zu lesen.

Hier geht es zur Beichte:

Uns ist ein Dokument erhalten geblieben, in dem sich dieses Gefühl von Verlust und Gewinn, von Aufgabe und Anfang auf eine ergreifende Weise spiegelt, und das uns mit wenigen Sätzen den Kampf in einem einzelnen Menschen veranschaulicht, der sich auf der Grenzscheide zweier Welten befindet.

Es handelt sich um jenen großen Brief Francesco Petrarcas, den der Zweiunddreißigjährige im Jahre 1336 an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro schrieb; er steht als erster Brief im vierten Buch seiner »Familiari« und beschreibt Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux.


So hat ihn wohl noch Petrarca wahrgenommen

Diese Darstellung ist für die damalige Zeit ein geradezu epochales Ereignis, denn sie bedeutet nichts Geringeres als die Entdeckung der Landschaft, und in ihr kommt ein erstes Aufleuchten jenes Raumbewusstseins zum Durchbruch, das in der Folge grundlegend die Stellung des europäischen Menschen in und zu der Welt verändert.


(Francesco Petrarca)

Der Mont Ventoux liegt nordöstlich von Avignon, dort, wo die Rhône die französischen Alpen von dem Hügelland der Cevennen und dem gebirgigen Zentralmassiv Mittelfrankreichs scheidet. Er ist ein Berg, der sich durch seine klaren und ruhigen Linien auszeichnet, von Süden, von Avignon aus gesehen, in langsamer ununterbrochener Steigung seinen Grat in den klaren provenzalischen Himmel zeichnet und seinen Südwesthang breit ausladend und weithin ausgedehnt mit sanft sich fangendem Schwunge talwärts sendet, bis er sich nach einem fast zweitausend Meter überbrückenden Abwärtsfließen an der steil sich erhebenden Platanenterrasse von Carpentras fängt, das er mit seinen Mandelbäumen vor den Nordwinden schützt.


Mont Ventoux für heute Lebende

Eine merkwürdige Anziehungskraft geht von diesem Berge aus; der Verfasser, und gewiss mancher andere, hat sie selber erfahren, als er vor vielen Jahren diesen Berg zum ersten Mal sah, ohne damals zu wissen, welche besondere Bewandtnis es mit ihm hatte. Es ist nicht zufällig, dass Petrarca die Entdeckung der Landschaft gerade hier, in diesem Teile Frankreichs machte, in dem die gnostische Tradition, die den Akzent auf Welterkenntnis, also mehr auf das Wissen als auf den Glauben legte, in den Troubadours, Catharern und Albigensern lebendig blieb; damit soll Petrarca aber nicht zum Gnostiker gemacht werden, es soll nur auf das gnostische Klima in diesem Teil der »douce France« hingewiesen sein, von dem schon die erste große französische Dichtung, »La Chanson de Roland«, gleich eingangs (im 16. Verse) mit den Worten über »Li empereres Carles de France dulce« spricht.

Jener Brief Petrarcas hat Beichtcharakter: er ist an den Professor der Theologie gerichtet, der als Augustinermönch Petrarca die »Bekenntnisse« Augustins schätzen und beherzigen lehrte; aber man beichtet oder gesteht nur, wenn man glaubt, sich gegen etwas vergangen zu haben.

Der gewaltige Eindruck, den der vom Gipfel aus vor ihm ausgebreitete Raum auf Petrarca macht, die Erschütterung, diesen Raum als Wirklichkeit zu sehen, die Sorge, ja Bestürzung, das Gesehene zu realisieren und zu akzeptieren ‑- all dies spiegelt sich in dem Briefe dessen, der als erster in Europa aus dem transzendentalen Goldgrund der sienesischen Meister, aus dem noch in der Seele und in der Zeit gleichsam schlafenden Raume, hinaustritt in den »wirklichen« Raum und damit die Landschaft entdeckt: die allseitige Bindung mit Himmel und Erde, die noch eine fraglose, eine undistanzierte unperspektivische Bindung war, zerreißt in dem Augenblicke, da ein Teil der »Natur«, durch seinen persönlichen Blick räumlich aus dem Ganzen herausgelöst, zu einem Stück Land wird, das er schafft. Es ist möglich, dass damit ein Teil des formenden (geistigen) Prinzips von Erde und Himmel, also sowohl von der »Natur« in ihrem umfassenden Sinne als auch vom »Göttlichen«, auf den Menschen überging; wenn dem so war, dann freilich wuchs – man ist versucht zu sagen, von jenem Tage Petrarcas an – die Verantwortung des Menschen in einer Weise, von der wir angesichts der Situation unserer Zeit bezweifeln müssen, ob er ihr gewachsen war.

Wie dem auch sei, die Tatsache dieser folgenschweren Entdeckung bleibt bestehen. Und aus dem Briefe Petrarcas darf man zumindest eine Beunruhigung über diese Entdeckung und die geahnte aus ihr entspringende Verantwortungsfülle heraushören.

»Den höchsten Berg unserer Gegend«, so beginnt Petrarca seinen Brief, »habe ich gestern bestiegen, nur von dem Verlangen geleitet, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen. Durch viele Jahre hindurch war dies in meiner Seele; von Kindheit an habe ich mich nämlich, wie Du ja weißt, hier in diesen Gegenden herumgetrieben.

Jener Berg, weit und breit sichtbar, stand mir fast allzeit vor Augen. Allmählich ward mein Verlangen ungestüm und ich schritt zur Ausführung, insbesondere, nachdem ich tags zuvor beim Lesen der römischen Geschichte im Livius auf jene Stelle gestoßen war, wo Philipp, der König von Mazedonien, … den Berg Haemus in Thessalien besteigt, von dessen Gipfel zwei Meere, das Adriatische und der Pontus Euxinus, sichtbar sein sollen.«

Dass diese Bergbesteigung Philipps nicht mit der Petrarcas in ihrer Bedeutung gleichgesetzt werden darf, geht aus der Betonung hervor, die Livius darauf legt, dass man die Meere von dort aus sah, während er das Land, das eben noch nicht zur Landschaft geworden war, gar nicht erwähnt; diese Erwähnung der Meere ist durchaus als ein Hinweis darauf aufzufassen, dass der antike Mensch nicht den Raum sah, sondern die Seele, deren Bild (wie wir später sehen werden) immer das Meer war. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass die bekannten Bergbesteigungen, die Hadrian, Strabo und Lucilius unternommen haben, von diesen Römern aus vorwiegend administrativen und praktischen Überlegungen erfolgten und nicht aus »ästhetischen« Gründen:

Hadrian, ein Verwaltungsreformator, bestieg den Ätna, um das von ihm zu verwaltende Gebiet zu sehen, und der staatsverfolgte Lucilius, ein Freund des Seneca, hatte durchaus praktische Ziele.

Kehren wir jedoch zu Petrarcas Brief zurück. Nach der Erwähnung der Livius-Stelle folgt die Beschreibung der mühsamen Wanderung und die einer Begegnung: »In den Schluchten trafen wir [er und sein Bruder Gerardo] einen alten Hirten, der mit vielen Worten versuchte, uns von der Besteigung zurückzuhalten und sagte … er hätte niemals davon gehört, dass jemand Ähnliches gewagt habe.« Ohne sich von den Lamentationen des Alten beeindrucken zu lassen, steigen sie weiter, »und noch im Aufstieg«, so schreibt er, »trieb ich mich selber mit diesen Worten an:

Was also heute, beim Besteigen dieses Berges du erfahren hast, das kommt gewisslich dir und vielen zugute, die zu einem glückseligen Leben hingelangen wollen…«.

Auf dem Gipfel angekommen, überstürzt sich die Beschreibung, und die Tempuswechsel zeugen von der Erschütterung, die in ihm nachklingt, wenn er das Gipfelerlebnis evoziert: »Erschüttert von dem ungewohnten Winde und von dem weiten und freien Schauspiel, war ich zu allererst wie vor Schreck erstarrt. Ich schaue: Die Wolken lagen unter meinen Füßen… Ich wende meinen Blick italienwärts, wohin sich noch mehr als dieser meine Seele wandte… Ich gestehe, dass ich seufzte, da ich den Himmel Italiens sah, der mehr meinem Geist als meinem Auge erschien, und ein unsagbares Verlangen ergriff mich, meine Heimat wiederzusehen… Und dann ergriff mich ein neuer Gedanke, der mich aus dem Raum in die Zeit trug (a locis traduxit ad tempora).

Ich sagte zu mir selber: Zehn Jahre sind es her, dass du Bologna verließest…«; und die nachfolgenden Sätze, die sein Leid während dieses Jahrzehntes erwähnen, sind ganz dem inneren Leben zugewandt: die Sehnsucht nach der Heimat, die ihn in der heimatlosen Unvertrautheit dieses Gipfelaufenthaltes überkam, wird übermächtig; eben noch sieht er die damals neue Wirklichkeit, aber vor ihrer erschütternden Wirkung flieht er »aus dem Raum in die Zeit« zurück, flieht aus dieser ersten Raumerfahrung zurück in den Goldgrund der Sieneser Meister.

Und dann nach der Beichte seines Leides, nach dieser seelischen Befreiung, fährt er in der Schilderung des gesehenen Raumes fort: »Dann wende ich mich nach Westen; vergeblich suche ich den Rücken der Pyrenäen, dieser Grenze zwischen Frankreich und Spanien… Ich sehe die Berge der Lyoneser Provinz zur Rechten, und zur Linken die Fluten des Mittelmeeres, die auf der einen Seite Marseille bespülen und sich an Aigues-Mortes brechen; und obwohl die Entfernung weit war, sahen wir sehr deutlich; die Rhône selbst lag unter unserem Blick…«.

Doch von neuem wendet er sich zurück, und es ereignet sich dabei etwas, das symptomatisch ist für die Sensibilität dieses Dichters, der, wie hilflos geworden vor der Weite, die vor ihm ausgebreitet ist, nach einem Halt suchend die »Bekenntnisse« des Augustin aufschlägt, wobei ihm die Formulierung zufällt, die aus seiner seelischen Heimat stammt, der er sich bereits das erste Mal, seinen Blick von der Landschaft zurücknehmend, zugewandt hatte:

»Gott ist mein Zeuge«, so schreibt er, nachdem er die »Bekenntnisse« geöffnet hat, »und jener, der dabei war (sein Bruder), dass mein Blick auf folgende Stelle fiel: ›Und die Menschen gehen die hohen Berge bewundern und die gewaltigen Wogen des Meeres und die langen Läufe der Flüsse und die Unermesslichkeit des Ozeans und die Bahnen der Sterne, und sie geben sich damit selber auf (et relinquunt se ipsos)‹.«

Und wieder erschrickt er, diesmal nicht angesichts des Raumes, sondern angesichts der Seele, an die ihn diese ihm zufallenden Worte Augustins gemahnen; und er fährt fort: »Bestürzung erfasste mich, ich gestehe es, und meinen Bruder, der diese Stelle auch zu lesen wünschte, bittend, mich nicht zu stören, schloss ich das Buch, erzürnt darüber, dass ich mich auch jetzt noch irdischen Dingen zugewandt hatte, da doch selbst die heidnischen Philosophen es seit langem mich hätten lehren sollen, dass außer der Seele nichts bewunderungswürdig (des Anschauens wert) sei (nihil praeter animum esse mirabile), und dass im Vergleich mit ihrer Größe nichts groß ist.«

Doch gleich darauf ‑- er macht im Briefe einen pausierenden Absatz ‑- folgen dann diese überraschenden Worte: »Als ich alsdann im Betrachten dieses Berges meine Augen sattsam befriedigt hatte« ‑- also doch erst nach bewusster Kenntnisnahme und Ausschöpfung des Gesehenen ‑-, »wandte ich meine inneren Augen in mich selber hinein (in me ipsum interiores oculos reflexi); und von jener Stunde an war es, dass man uns nicht reden hörte…«.

Und wie eine letzte Bejahung dieser Bergbesteigung und des Erlebten mutet es an, wenn er am Schluss des Briefes, versteckt unter einem seelischen Vorbehalt, der körperlichen Mühen gedenkend, schreibt:

»Soviel Schweiß und Mühe, damit der Körper dem Himmel um ein kleines näher komme…, etwas Ähnliches muß die Seele erschrecken, die sich Gott annähert.«

Von jenem Tage auf dem Berge Ventoux an bis zu seinem Lebensende dauert nun der Kampf in Petrarca, der durch den Einbruch des Raumes in seine Seele – und man könnte mit dem gleichen Recht auch sagen: der durch den Ausbruch des Raumes aus seiner Seele – ausgelöst wurde:

die alte Welt, die in dem Worte Augustins, dass die Zeit in der Seele sei, ihre bündigste Formulierung fand, jene alte Welt, in der nichts außerhalb der Seele Liegendes wunderbar und des Anschauens für wert befunden wurde, sie beginnt zu zerbrechen.

Ganz allmählich verlagert sich der Akzent immer deutlicher von der Zeit in den Raum, bis im Materialismus des 19. Jahrhunderts der seelische Schwund ein heute den meisten offensichtlicher Verlust wird, den erst die jetzigen Generationen auf eine neue Weise zu überwinden beginnen.

Damals aber, vor 600 Jahren, war der Übergang, der sich in Petrarcas Brief spiegelt, eine vorerst unerhörte Erweiterung des Weltbildes. Mit jenem Ereignis, von dem Petrarca selber fast prophetisch schreibt, dass es »gewisslich ihm und vielen zugute kommen werde«, beginnt eine neue Art der Naturbetrachtung, die realistisch, individuell und rational ist.

Schon die Auflockerung des Raumes und der Landschaft bei Ambrogio Lorenzetti und Giotto, bei dem aber das Landschaftliche, etwa die Hügelmotive, noch vorwiegend symbolische Darstellung der umbrischen Natur gewesen waren, stellte eine Abwendung von der unperspektivischen Welt dar, die durch die Giotto-Schüler weitergeführt wird. Fra Angelico und Masolino, später Paolo Uccello, die Brüder Limburg in den » Tres riches heures du Duc de Berry« arbeiten das Perspektivische immer stärker heraus, und bei Masaccio wird zum ersten Male sichtbar, was sich schon bei Giotto vorbereitete: dass die Erfassung des Menschen angestrebt wird, ein Charakteristikum, das auch in den Reliefs des Andrea Pisano, vor allem in seinem »Astronomenrelief« am Campanile in Florenz, und dann ganz offensichtlich bei Donatello zum Ausdruck kommt.

Dabei dürfen wir jedoch nicht Lorenzo Ghiberti vergessen, dem in seinem Jugendwerk, dem Bronzerelief »Die Opferung Isaacs«, im Jahre 1401/02, bereits eine erstaunlich genuine Darstellung atmenden und nicht mehr einschließenden Raumes gelang; eines Raumes (soweit ein Relief Raum evozieren kann), in dem weder das transzendentale Goldlicht noch die ergänzende Lichtlosigkeit des einschließenden Höhlen-Alls webt, sondern eines Raumes, in dem die Lungen des Menschen atmen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Petrarcas Beichte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Petrarca schaut erstmals den Raum und beichtet

  1. Pingback: Jean Gebser und das Geldsystem | Was ist denn eigentlich Geld?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s