Jean Gebser und das Geldsystem

Jean Gebser gab mir eigentlich erst das Rüstzeug, zusammen mit den Thesen Gunnar Heinsohns und Paul C. Martins, „Geld“ anders konstruiert zu denken als wie wir es heute noch kennen.

Wer war Jean Gebser?
Jean Gebser wurde im Jahr 1905 in Posen geboren, das früher zu Preußen gehörte.
Die aristokratischen Wurzeln seiner Familie ließen sich bis ins Thüringen (ein Herzogtum des fränkischen Reichs) des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Gebser führte ein recht abenteuerliches Leben:

Er verbrachte einige Jahre in Spanien, wo er sich mit Federico Garcia Lorca anfreundete und zunächst als Poeta laureatus bekannt wurde. Im Jahr 1936 versuchte er, wenige Stunden bevor sein Haus in Madrid bombardiert wurde, nach Frankreich zu fliehen, wurde jedoch von Faschisten gefangengenommen.

Eigentlich sollte er wie sein Freund Garcia Lorca hingerichtet werden, doch er konnte erneut fliehen und, zwei Stunden bevor die Grenzen geschlossen wurden, in die Schweiz reisen.

Er ließ sich schließlich dort nieder, um sein philosophisches Werk zu verfassen.

Gebser war Mitglied von C.G. Jungs illustrem Eranos-Kreis, wo er unter anderem Erich Neumann begegnete; allerdings nahm keiner der beiden Bezug auf die Arbeit des jeweils anderen, obwohl Erich Neumanns Ursprungsgeschichte des Bewußtseins 1953, also im selben Jahr wie Gebsers Ursprung und Gegenwart, erschien.

Jean Gebser teilte die Bewußtseinsgeschichte des Menschen in fünf Stufen ein, von der die letzte, sich jetzt entwickelnde diejenige ist, die für das Denken eines neuen Geldes maßgeblich ist.

Die archaische Struktur
Sie begann vor etwa 1 bis 1,6 Millionen Jahren bei den Hominiden (Homo erectus).
Diese Bewußtseinsstruktur hat keine Vorstellung von Zeit oder Tod; das Leben ist eine Folge vom „Hier und Jetzt“.
Wahrnehmungen und Gefühle sind vorhanden, aber begrifflich nicht zu erfassen; es gibt keine Vorstellung von „Gut“ und „Böse“.

Diese Ebene des Bewußtseins besuchen wir jede Nacht in der Tiefschlafphase (langsame, großamplitudige Deltawellen der Hirnströme).

Die magische Struktur
Sie begann wahrscheinlich vor 150.000 Jahren. Vorstellungen von Zeit und Raum entstehen, Rituale entwickeln sich.
Die ersten Eliten sind Magi/Schamanen, die das Universum erklären und beeinflussen. Gefühle sind die Grundlage der Wahrnehmung. Dieses Stadium erreichen wir im normalen Schlaf und beim Biofeedback (Deltawellen mit K-Komplexen/Alphawellen).

Wirtschaftliche Tätigkeit in Form des ersten (steinzeitlichen) Handwerks, begleitet vom Tauschhandel.

Die mythische Struktur
Sie setzte je nach Region vor 25.000 bis 3.000 Jahren ein. Erste matrifokale Gesellschaften, gefolgt von frühen „Kulturen“ mit sozialen Regeln, die von einer Elite zur Kontrolle über die „Götter“ verhängt wurden.
Beginn des Patriarchats, wenn mythologische Figuren zu überwiegend hierarchischen Göttern werden.

Die Vorstellungskraft wird zur Grundlage der Erkenntnis. Diesen Zustand besuchen wir im Traum (rapid eye movement, REM-Phase) und bei Tagträumen.

Erste spezialisierte Herstellungsverfahren tauchen auf (erste Steinartefakt-„Fabriken“, später Bronze- und andere Metallverarbeitung). Geld wird erfunden.

Die rationale Struktur
Sie begann vor etwa 3.000 Jahren und verstärkte sich vor allem während der letzten 500 Jahre mit einem Höhepunkt im Westen während der vergangenen zwei Jahrhunderte.
Diese Epoche wurde bereits bei den aufeinanderfolgenden Entwicklungslinien der Kulturen beschrieben, die zur Entstehung des westlichen Denkens führten.
Wir bezeichnen diesen Zustand als „rationale Reflexion“, dem das Monopol der Wirklichkeitsinterpretation zufiel, nachdem die patriarchalische Yang-Energie triumphiert hatte.
Wirtschaftswachstum ohne Nachdenken über die äußerlichen Folgen. Entwicklung der modernen Volkswirtschaften.

Die integrale Struktur
Diese setzt gerade erst mit einer „Subkultur“ ein, die Paul Ray als „kulturell Kreative“ bezeichnet. Sie integriert nichtlineares Denken, multiple Kausalität und akausale Beziehungen in der Wahrnehmung der Realität.

Beispiele dafür sind ganzheitliche Medizin, Umweltbewußtsein und postkapitalistische Wirtschaftsformen. Ein anders konstruiertes Geld kann gedacht werden.

Erinnern wir uns bitte, daß es Gunnar Heinsohn gewesen ist, der die Entstehung des heute herrschenden Geldes aus der Erfindung des Eigentums herleitet. Geld entsteht durch Verpfändung von Eigentum und fordert unablässig Zins. (Text dazu wird noch hier auf dem Blog erscheinen)

Eigentum wiederum erfordert eine Bewußtwerdung des Raums, vielleicht richtiger, deren mental-rational gedachte Vergewaltigung.

Zins wiederum erfordert eine Bewußtwerdung der Zeit, vielleicht richtiger, deren mental-rational gedachte Vergewaltigung.

Das sind jetzt harte und wertende Worte und nicht so gemeint. Ich vermute aber, daß die „Natürlichkeit“ des Zinsgedankens, der ja nichts anderes als ein Zerteilen und Instrumentalisieren des Phänomens „Zeit“ bedeutet und damit bewußtseinsbildend wirkt, durch ein zinsfrei konstruiertes Geld überwunden werden wird. Das A-Chronon bzw. die Zeitfreiheit in der integralen Bewußtseinsstruktur wird sich auch im Geldsystem notwendigerweise ausdrücken.


Raum kann noch nicht gedacht werden

Wie der Mensch des Raumes bewußt wurde, hat Jean Gebser eindrucksvoll in seinem Buch „Ursprung und Gegenwart“ geschildert. Es war Petrarca, der den Mont Ventoux unweit der seinerzeitigen Papst-Residenz Avignon bestieg und bei der Schauung des Raumes derart in Aufregung geriet, daß er es für geboten hielt, diese bahnbrechend neue Bewußtseins-Erkenntnis zu beichten. (Die Beichte ist jetzt hier veröffentlicht: bitte hier klicken) Ab dann konnte die Malerei dreidimensional werden und Tiefe gewinnen, da der Raum selbst bewußtseinstechnisch erfahrbar wurde.


noch der Raumlosigkeit verhaftet

Beginnen wir aber mit der Zeit. Den Einbruch der Zeit in unser Bewußtsein beschreibt Jean Gebser so:

DER EINBRUCH DER ZEIT

1. Die Bewusstwerdung der Zeitfreiheit

Der Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein: dieses Ereignis ist das große and einzigartige Thema unserer Weltstunde. Es ist ein neues Thema and damit eine neue Aufgabe. Seine Realisierung durch uns bringt eine gänzlich neue Weltwirklichkeit mit sich: eine neue Intensität and ein befreiteres Gewahrwerden, und damit die Überwindung der Wirrnisse, welche vordergründig unserer Welt das Gepräge zu geben scheinen. Wo wir diesem Thema in den Äußerungsformen unseres Lebens begegnen, dort befinden wir uns face en face mit den ersten Manifestationen der aperspektivischen Welt. Diese Manifestationen ersichtlich zu machen, zu ordnen and unserem Bewusstsein einzugewöhnen, dem dient dieser zweite Teil unserer Schrift. Ein neuer Ton, eine neue Form, eine neue Sicht wird dann dort wahrnehmbar werden, wo wir heute nur Schrei and Dissonanz zu hören glauben. Und je todeswütiger sich die Äußerungen unserer zu Ende gehenden Übergangsepoche zu erkennen geben, desto lebenskräftiger werden weltverändernd die neuen in Erscheinung treten. Jeder von uns ist heute, ein jeder auf seine Weise und gleichgültig wo er sich befinde, nicht nur Zeuge, sondern wir alle sind auch Werkzeuge dessen, was Wirklichkeit wird.

Deshalb ist es nötig, dass wir uns die Mittel erarbeiten, mit deren Hilfe wir diese neue Wirklichkeit auch von uns aus mitgestalten können. Ein entscheidender Schritt wird dann getan sein, wenn es uns gelingt, die ganze Komplexität des »Zeit«-Themas zu realisieren; mit andern Worten: wenn es uns gelingt, das Neue derart zu wirklichen, dass wir uns seiner bewusst bedienen können. Was heute geschieht, geschieht noch fast von sich aus, besser: aus dem Sich heraus. Es ist nötig, dass auch das einzelne Ich, dass ein jeder wisse, wie er sich zu verhalten habe, auf dass das Neue, durch ihn mitverantwortet, zu aufbauender Wirkung komme. Dies darzustellen ist die andere Aufgabe dieses zweiten Teiles, die wir nie aus dem Auge verlieren dürfen, auch dann nicht, wenn die Komplexität des Themas and seine Neuartigkeit uns zwingen, langsam and behutsam vorzugehen.

Die Ausführungen des ersten Teiles haben ersichtlich gemacht, dass die »Zeit«, die mental-rationale Zeit, ein teilendes Prinzip und ein Begriff ist. Wenn hier in einem größeren Zusammenhange von »Zeit« gesprochen wird, so ist nicht nur dieser Begriff Zeit gemeint. Trotzdem müssen wir von diesem reduzierten Begriff ausgehen. Unserem bisherigen Bewusstsein liegt von allen möglichen Zeitformen der mental-rationale Zeit-Begriff am nächsten. Erst in dem Augenblick, da wir uns Rechenschaft über ihn ablegen and ihn als Teiler erkennen, wird uns bewusst, dass dieses Fragment des Zeitlichen nur der Auslöser einer weltumgestaltenden Bewusstseinsstruktur sein kann. Der Zeitbegriff ist lediglich das Initialthema für die Bewusstwerdung der aperspektivischen Welt.

Solange er Geltung hat, gilt noch das Teilende, Zerstörende, Auflösende, das aber teilend, zerstörend and auflösend den Weg für eine neue Wirklichkeit freilegt. Was aber freigelegt wird, das ist mehr als der bloße Begriff »Zeit«: es ist das Achronon, also das Frei- and Befreitsein von jeder Zeitform; es ist die Zeitfreiheit.

Unser heutiges Bewusstsein ist ein Bewusstsein des Überganges, ein Bewusstsein, das in einer Mutation begriffen ist and sich neue Realisationsformen zu erschließen beginnt. In dem Augenblick, da es fähig wurde, sich von dem Wesen der »Zeit« Rechenschaft abzulegen, brach die Zeit ein; der Sinn von »einbrechen« ist zweideutig, so wie Stunden des Überganges zweideutig and zweigesichtig sind. Das Wort Einbruch bringt sowohl ein Hereinbrechen der Zeit wie ein Zusammenbrechen der Zeit für unser Bewusstsein zum Ausdruck.

Was ist aber nun die »Zeit«? Sie ist mehr als bloße Uhrenzeit, die bisher als verlässlich and konstant galt. Es ist symptomatisch für unsere Situation, dass heute selbst die Astronomie die Konstanz der Uhrenzeit infolge neuester Forschungen in Frage gestellt sieht. Auf einer Generalversammlung der »Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft« in Lausanne (Frühjahr 1951) wurde das Thema behandelt: »Ist die Zeit konstant?« Tatsache ist, dass sie nicht konstant ist, sondern sich pro Jahrhundert um 5,3 Sekunden verlangsamt, wie G. Thiercy, von der Universitätssternwarte Genf, feststellte. (Wie sich Quantenphysiker Zeit vorstellen und welchen Einfluß das auf unser Verständnis von Geld hat, werde ich hier noch in folgenden Artikeln verdeutlichen.) Dieses Resultat erhärtet auf seine Weise den Satz von E. Rosenstock-Huessy, dass wir »heute an einer Wissenschaft von der Zeit« laborieren, die aber dem echten Phänomen Zeit allein, wie er hervorhebt, nicht gerecht zu werden vermag.

Aber die Uhrenzeit ist nur ein Aspekt eines umfassenderen Phänomens, sie ist der mentale Aspekt jener Weltkomponente, die sich nicht als Raum darstellt, sondern als Grundphänomen des Raumes.

Die Ausführungen im fünften Kapitel des ersten Teiles: »Über die Raum-Zeit-Konstitutionen der (Bewusstseins-)Strukturen« haben deutlich gemacht, dass wir zumindest drei verschiedene Zeitformen genau unterscheiden können: die magische, vital betonte Zeitlosigkeit, die mythische, psychisch betonte Zeithaftigkeit und den mentalen, raum-betonten Zeitbegriff, der ein defizientes Agens, ein Teilen ist.

Für das Zeitphänomen hatte die dreidimensionale Vorstellungswelt unserer Väter keinSensorium. Die Zeitwelt war für sie, die in einer festgefrorenen Raumwelt lebten, jener Störungsfaktor, der durch Nichtbeachtung unterdrückt oder durch Messung in eine räumliche Komponente umgefälscht wurde.

Mit anderen Worten: in der perspektivischen Weltvorstellung wurde alles mit räumlichen Maßen gemessen, auch das Phänomen »Zeit« and andere Phänomene, die keine räumlichen (wohl aber räumlichende!) Eigenschaften haben, die jedoch durch ihre Messung in räumliche Komponenten zurechtgebogen wurden. Für den perspektivisch denkenden Menschen hatte die Zeit keinen Qualitätscharakter. Das ist das Ausschlaggebende. Er bediente sich ihrer nur in einem materialisierten and quantitativen Sinne. Er lebte der von Galilei aufgestellten Maxime nach: »Alles messen, was messbar ist, and alles messbar machen, was es noch nicht ist.« Diese Maxime, übrigens eine ins Extrem getriebene aristotelische Maxime, war das Leitmotiv des perspektivischen Zeitalters. Messen aber ist Räumlichen, and maßloses Messen führt zu Quantifizierung.

Einer der besten Kenner der Theorien and Philosophien jener Epoche, Werner Gent, konnte von eben dieser Epoche sagen, sie habe die Zeit deklassiert und zu einer bloßen Rechnungsgröße degradiert (s. S. 259). Noch genauer formuliert: Jene Epoche hat die Zeit zu einer analytischen Maßbeziehung pervertiert and sie materialisiert.

Durch diese Materialisierung hat sie im Laufe der letzten Jahrhunderte jenes extrem dualistische Denken heraufbeschworen, das in der Welt nur zwei gegensätzliche und unversöhnliche Komponenten anerkannte: als gültig die messbaren, beweisbaren Dinge, die rationalen Gegebenheiten der Wissenschaft, als ungültig die nicht messbaren Phänomene, die irrationalen Un-Gegebenheiten.

Dem perspektivischen Zeitalter war die »Zeit« nichts als ein Maß- bzw. Bezugssystem zwischen zwei Augenblicken. Es ließ die Zeit als Qualität und Intensität unberücksichtigt; es sah in ihr nur ein akzidentelles, kein essentielles Phänomen. Die Zeit ist aber ein viel komplexeres Phänomen als nur Uhrenzeit, nur Werkzeug oder Akzidens. Die Tatsache, dass wir selbst heute noch in den Kategorien der räumlich fixierten, dreidimensionalen Vorstellungswelt denken, hindert uns daran, die komplexe Bedeutung dieses Phänomens zu realisieren; and wer es dennoch wagt, wird bestenfalls terminologischer Unklarheit geziehen. Das aber soll uns nicht an der Feststellung hindern, dass die Zeit in Wirklichkeit noch andere wesentliche Erscheinungsformen umfasst, die nur ihr, nicht aber dem Raume, eignen.

Aus der aperspektivischen Weltsicht heraus betrachtet, erscheint sie geradezu als die grundlegende Funktion and von vielfältigster Art. Sie äußert sich, ihrer jeweiligen Manifestationsmöglichkeit and der jeweiligen Bewusstseinsstruktur entsprechend, unter den verschiedensten Aspekten als: Uhrenzeit, Naturzeit, kosmische Zeit oder Sternenzeit; als biologische Dauer, Rhythmus, Metrik; als Mutation, Diskontinuität, Relativität; als vitale Dynamik, psychische Energie (und demzufolge in einem gewissen Sinne als das, was wir »Seele« und »Unbewusstes« nennen), mentales Teilen; sie äußert sich als Einheit von Vergangenheit, Gegenwart and Zukunft; als das Schöpferische, als Einbildungskraft, als Arbeit, selbst als Motorik.

Nicht zuletzt aber muss, nach den vitalen, psychischen, biologischen, kosmischen, rationalen, kreativen, soziologischen and technischen Aspekten der Zeit auch ihres physikalisch-geometrischen Aspektes gedacht sein, der die Bezeichnung »vierte Dimension« trägt.

Diese mehr oder weniger unsystematisch erscheinende Aufzählung der Zeitaspekte wird jedem, der sich seiner dreidimensionalen Weltvorstellung nicht begeben kann, unbehaglich sein. Für den Systematiker handelt es sich bei diesen Aspekten um inkongruente Größen. Aber sie sind keine Größen, sondern Elemente oder Funktionalen und somit räumlich weder zu fassen noch einzuordnen.

Die anscheinende Systemlosigkeit, die in der Aufzählung zu herrschen scheint, entspricht den genannten Wirklichkeiten. Bewirktes ist systematisch fassbar. Bewirkendes ist nicht systematisch fassbar, es sei denn, wir begingen von neuem den Fehler des perspektivischen Menschen, Intensitäten in räumliche Extensitäten umzufälschen. Wir dürfen aber auch nicht in den anderen Fehler verfallen, das was soeben als »Bewirktes« bezeichnet wurde, kausal zum »Bewirkenden« in Beziehung setzen zu wollen, viel weniger noch den weiteren möglichen Fehler, beide dualistisch als Gegensätze anzusprechen; das wäre zudem weiteres Systematisieren.

Eine nichts als kategoriale Betrachtungsweise kann den genannten Zeitaspekten nicht gerecht werden. Wir haben es bei ihnen keineswegs mit einander inkongruenten Phänomenen zu tun, sondern es handelt sich um verschiedenartige Aspekte and Manifestationsweisen eines Grundphänomens, das keinen Raumcharakter aufweist. Eine vornehmlich kategoriale Wertung ist hier also unangebracht. Jedes kategoriale System ist ein ideelles Ordnungsschema, durch welches reale Erscheinungstatsachen fixiert and absolutiert werden; damit ist es ein dreidimensionales Gerüst and hat statischen and räumlichen Charakter. Kategoriale Systeme reichen zu einer Weltbewältigung nur aus innerhalb der dreidimensionalen Weltvorstellung and Begriffswelt.

Man wird sich deshalb daran gewöhnen müssen, auch akategoriale Elemente anzuerkennen. Die akategoriale Größe par excellence ist die »Zeit« als Intensität. Ihre bindende, gänzlichende Funktion kommt in ihrer akategorialen Wirksamkeit zum Ausdruck. Das bisherige bloß kategoriale Denken muss durch die zusätzliche akategoriale Realisationsart ergänzt werden.

Wir werden keinen Schritt in der Bewältigung der Aufgaben, die unserer Epoche gestellt sind, vorwärtskommen, bringen wir nicht den Mut auf, die bloß räumlich konzipierten Systeme dreidimensionaler Art zu überwinden. Das heißt nicht, sie abschaffen; aber es heißt, sie auf die ihnen eigenen Größen and Extensitäten reduzieren. Die bisher fälschlich räumlich fixierten Intensitäten benötigen ein eigenes Ordnungskonzept, die Systase.

In dem Moment, da es uns gelingt, die akategorialen Wirkungen als solche wahrzunehmen und nicht als kategoriale Fixierungen, wird die Welt durchsichtig, weil wir dann nicht mehr nur an die Raumstruktur der Systeme fixiert sind, sondern sie systatisch (zusammenfügend) zu durchsehen vermögen. Der dergestalt transparent (diaphan) werdende Raum ist dann nicht mehr eine dreidimensionale, sondern bereits eine vierdimensionale Gegebenheit.

Mit dem Begriff »vierdimensional«, besonders aber mit dem Begriff »Vierte Dimension«, als die sich die »Zeit« physikalisch darstellt, ist in gewissem Sinne ein Stichwort gefallen, das für die Klärung unserer Situation als Hilfsbegriff sehr dienlich sein kann. Die Tatsache, dass der große, umfassende and die Welt mitkonstituierende Komplex »Zeit« jahrhundertelang vernachlässigt, ja erkenntnismäßig unterdrückt oder bestenfalls räumlich verfälscht wurde, diese Tatsache hat die folgenschwere Konsequenz gehabt, dass wir der außerordentlichen Bedeutung, die diesem umfassenden Phänomen innewohnt, nicht mehr gewachsen waren, als die modernen Erkenntnisse uns zwangen, es anzuerkennen.

Wie jede unterdrückte Kraft – and dies war die »Zeit« so lange, als die Epoche der dreidimensionalen Weltvorstellung huldigte -, wie jede unterdrückte Kraft rächt auch sie sich, wenn sie befreit wird oder sich selbst befreit. Und dann vergewaltigt, beängstigt and verwirrt sie uns zuerst einmal auf eine destruktive Weise, so dass sie uns zu beherrschen scheint, nachdem wir auf Grund generationenlanger Gewöhnung glaubten, sie durch unsere räumlichende Umfälschung meistern and beherrschen zu können.

Eingekerkert in unsere dreidimensionale Vorstellungswelt meinten wir, die Zeit sei nichts anderes als ein leicht zu meisterndes Akzidens harmloser Art, das man ungestraft lediglich als Uhrenzeit behandeln dürfe. Da sich nun herausstellt, dass sie sehr viel mehr, ja eine Weltkonstituante ist, entspricht die Größe des Schocks, den diese Erkenntnis auslösen muss, nur der Diskrepanz, die zwischen unserer bisherigen Einschätzung der Zeit und ihrer tatsächlichen, immerwährenden Wirkung besteht.

Diese Diskrepanz aber ist so groß, dass wir die Tatsache, die Zeit sei mehr als bloße Uhrenzeit, nur allmählich realisieren können.

Als Realität, als Weltkonstituante brach die Zeit eigentlich erst mit der Formulierung des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums durch Einstein, also zu Beginn unseres Jahrhunderts, in unser Bewusstsein ein. Seitdem spielt, bewusst oder unbewusst, das Zeitproblem auch in den Naturwissenschaften eine Hauptrolle, and fast unmerklich, doch von Jahr zu Jahr zunehmend, verändert sich die Auffassung, ja Wertung, die ihr nach den neuen naturwissenschaftlichen Theorien zuteil wird. Einige Hinweise mögen diesen äußerst beachtenswerten, ja grundlegenden Sachverhalt in das ihm gebührende Licht rücken. Sie stellen zugleich eine erste kurze Orientierung darüber dar, was in den folgenden Kapiteln ausführlich zu untersuchen sein wird.

Kurz vor der Relativitätstheorie, die ohne die Zeit-Komponente ja undenkbar ist, entsteht die Quantentheorie Plancks. Ihr zufolge wird die Kontinuität des zeitlichen Geschehens, der lineare Ablauf der Zeit zugunsten einzelner Zeitimpulse aufgegeben. Es folgen N. Bohr and die Wellenmechanik de Broglies and Schrödingers, in der das Komplementaritätsprinzip Gültigkeit erhält, demzufolge die Materie, beziehungsweise das Licht gleichwertig sowohl als Korpuskel als auch als Welle aufzufassen ist, womit sie in einem weiteren Sinne gewissermaßen als räumliche Größe, aber auch als zeitliches Element sichtbar ist. In der Biologie bringt die Mutationstheorie von de Vries implicite den Nachweis für den Intensitätswert der Zeit.

Relativitätstheorie aber, Quantentheorie, Wellenmechanik and Mutationstheorie sind die vier großen Eckpfeiler unserer heutigen Naturwissenschaften. Darüber hinaus ermöglicht es uns die Tiefenpsychologie, dass wir heute von einem Zeitphänomen sprechen können, das wir als Zeitkondensierung bezeichnen möchten, die im seelischen Geschehen statthat and beispielsweise im Traume manifest wird.

Schließlich überbietet sich die Technik darin, mit jedem neuen Jahre den Raum immer mehr durch die Meisterung der Zeit zusammenschrumpfen zu lassen, indem sie große Entfernungen, sei es zeitlich durch Überschallflugzeuge zusammenrückt, sei es diese Entfernungen sogar auf einen angenäherten zeitlichen Nullpunkt reduziert: durch Radio and Fernsehen.


Der Raum kann endlich gedacht werden

Und in der Kunst begegnen wir derselben Präokkupation. In der Malerei zersprengt die hereingelassene Zeit den Bildinhalt oder, freilich in den selteneren Fallen, formt ihn nach neuen Gesetzen, wie etwa bei Juan Gris, Braque and Picasso. In der Dichtung ‑- um von andern Disziplinen wie der Philosophie ganz zu schweigen ‑-, in der Dichtung, beispielsweise eines Thornton Wilder oder Ferdinand Bruckner, spielen die Szenen and Akte eines Schauspiels quer durch die Uhrenzeit hindurch and verschaffen der echten Zeit »vierdimensionale« Ausdrucksmöglichkeiten. Dort kommt bereits die Zeitfreiheit zum Durchbruch.


Die Zeit bricht ein und sprengt das Bild

Die durchaus neuartigen Grundlagen der neuen wissenschaftlichen Theorien und künstlerischen Ausdrucksmittel basieren alle auf einer Hereinnahme des Zeitfaktors in die bis 1900 starren, materialistischen, räumlich konzipierten Systeme. Jedoch ist die Hereinnahme der Zeit in unsere Realität noch lange nicht vollgültig geschehen. Es handelt sich selbst heute noch weitgehend um Versuche and Bemühungen, das Zeitphänomen zu erfassen. Wir haben diese Versuche als Temporik bezeichnet.

Diese Versuche haben – und auch dies möge als erster orientierender Hinweis gelten – äußerst verwirrende Resultate gezeitigt. Es ist nicht ohne Bedacht, dass wir von einem Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein sprechen. Es handelt sich um ein Hereinbrechen der vierten Dimension in die dreidimensionale Welt, das zuerst, im ersten Ansturm, ein Zerbrechen dieser dreidimensionalen Welt bewirkt. Die nicht gemeisterte Zeit droht zuerst einmal den Raum and sein Gefüge zu zerbrechen.

So zerbrach sie beispielsweise im Dadaismus das Strukturgefüge des Satzes; zerbrach im Expressionismus and Surrealismus den räumlichen Strukturzusammenhang; sprengte die Bildinhalte and zerfetzte die Form.

In der Tiefenpsychologie bedroht sie jederzeit das Bewusstsein mit einer Inflation und vermag das Gefüge des rationalen Denkens zu zerstören; in der Biologie verursachte sie, die nicht gemeisterte Zeit, ein flutartiges Anwachsen des sogenannten Lebenstriebes, des »élan vital«, so dass sie eine Zeitlang im extremen Vitalismus zu ersticken drohte.

Und selbst in der Physik droht der Einbruch der Zeit die Materie und den Raum endgültig zu zerstören: die Atombombe beweist es.

Begnügen wir uns hier vorerst mit diesen Beispielen. Eines jedoch darf bei Behandlung dieses Fragenkomplexes nicht übersehen werden: dass sich bereits in den drei Einstein vorangehenden Generationen Anzeichen nachweisen lassen, die auf den später erfolgenden Einbruch der Zeit in die dreidimensionale Weltvorstellung hindeuten.

Durch Einsteins Relativitätstheorie verlor das bisher gültig gewesene kopernikanische Weltsystem seine ausschließliche Bedeutung; an seine Stelle trat das Einsteinsche Raum-Zeit-Kontinuum. Ihm zufolge haben wir uns die Welt nicht mehr kopernikanisch als unendlich and unbegrenzt vorzustellen, sondern als »endlich, aber unbegrenzt«. Mit anderen Worten: wir müssen nicht nur eine gänzlich neue, der bisher gültigen diametral entgegengesetzte Weltsicht realisieren, sondern sind zudem noch gezwungen, uns die neue Komponente, die Zeit, nicht bloß als eine physikalisch-geometrische vierte Dimension, sondern in ihrer ganzen Komplexität bewusst zu machen.

Einschränkend kann allerdings gesagt werden, dass dies vorerst nur auf dem physikalischen Gebiete als notwendig erschien. Was aber geschah in den darauffolgenden Jahren? Während immer mehr Zweige der Wissenschaft sich mit dem Zeitfaktor auseinander zu setzen begannen and teilweise zu einer ganzheitlichen Betrachtung gelangten, während andere bereits mit den vierdimensionalen Gegebenheiten zu arbeiten anfingen and damit äußerst greifbare Resultate, wie beispielsweise die Atomspaltung, bewirkten, verblieb die nicht-wissenschaftliche Welt, und in ihr nicht zuletzt die führenden Staatsmänner and Leiter der Wirtschaft, noch der bereits überholten dreidimensionalen and dualistisch-materialistischen Weltvorstellung verhaftet, handhabte aber bereits vierdimensionale Produkte.

Jedoch: sie verwendete diese vierdimensionalen Produkte falsch, nämlich auf eine dreidimensionale Art. Und nun ist die Verwunderung and Bestürzung groß, dass dabei dieses ganze Weltgefüge ins Wanken kam.

»Ich habe keine Zeit« – dieser millionenfache Ausspruch des heutigen Menschen ist symptomatisch. Die »Zeit« ist, wenn auch vorerst noch in negativer Form, seine große Präokkupation. Der es sagt, glaubt, er spräche von der Uhrenzeit. Wie würde er erschrecken, realisierte er, dass er in dem gleichen Augenblicke auch sagt: »Ich habe keine Seele« und »Ich habe kein Leben«! Dem perspektivischen Menschen war die Zeit noch kein Problem.

Erst der zum aperspektivischen Bewusstsein erwachende oder dahin mutierende Mensch unserer Tage stellt stündlich dieses Manko, dass er keine Zeit habe, fest, das ihn fast zur Verzweiflung treibt. Und der Mensch von heute ist haltlos. Der Mensch der magischen Welt war noch im Geheimnis miteinbeschlossen, so wie wir heute noch im Schlaf in die nächtigen Gründe der Welt miteinbezogen sind. Er war noch, so wie wir im Tiefschlaf, zutiefst geborgen.

Der mythische Mensch war nur noch geborgen; seine Geborgenheit, schon durchsetzt von den Schrecken und Seligkeiten der Träume, war sein Aufgehobensein im polar strukturierten Geschehen. Der mentale Mensch war bereits – zumindest in seinem Wachzustand – aus der Geborgenheit der magischen Welt and aus der Umschlossenheit der mythischen Welt herausgetreten; das erstarkende Ich-Bewusstsein entband ihn weitgehend von den früheren Daseinsformen, und an Stelle der einstigen Geborgenheit trat sein Bemühen um Sicherung.

Sie schuf er sich mit Hilfe seines neuen Vermögens: sein richtendes Denken befähigte ihn, jene Weltsysteme zu schaffen, jene »Realitäten« zu ergreifen, die ihm einerseits alsPhilosopheme, andererseits in der wissenschaftlichen Materie-Erfassung Halt gaben.

Die magische Geborgenheit war noch echte Geborgenheit; die mythische war eine bereits in Bewegung geratene, war nur noch Umschlossenheit; die mentale war dem Mentalen gemäß nur noch eine fiktive, nämlich eine ich-gedachte and ins Außen verlegte Sicherheit.

Die Fiktivität dieser Sicherheit wurde offensichtlich in dem Moment, da das Mentale defizient wurde and in seine Absterbeform, das Rationale, überging. Seitdem das Ungenügen des Rationalen zutage trat, hat der Mensch die Befürchtung der Ungeborgenheit, des Ausgesetztseins, des »Geworfenseins«. Er glaubt am Rande zu stehen, vor sich das Nihil des Abgrundes, demgegenüber die »Mutigsten« eine verbissen-heroische Zwangshaltung annehmen (wie beispielsweise Ernst Jünger and Jean-Paul Sartre) oder dem sie durch einen Rückzug ins Mythische zu entgehen suchen (wie neuerdings Martin Heidegger).

Der Einbruch der Zeit muss auf alle, die noch am Rationalen als einem ausschließlich gültigen Prinzip festhalten, wie eine letzte Zerstörung der Systeme and Vorstellungen wirken, welche sie als gesichert ansahen und durch die sie sich selber zu sichern suchten.

Dieser Einbruch der Zeit ist jedoch nur dann zerstörend, wenn wir über die Realisierung dessen, was »Zeit« ist, nicht hinauskommen. Wenn dies jedoch gelingt, dann ist dieser Einbruch nicht ein weiterer and endgültiger Verlust an Geborgenheit and Sicherheit, sondern eine Befreiung.

»Ich habe keine Zeit« – dieses Eingeständnis, diese Ohnmachtserklärung des europäisch-amerikanischen Menschen besagt zudem noch ein Weiteres; denn wer keine Zeit hat, hat auch keinen Raum. Er ist entweder zu Ende – oder er ist frei. Er ist zu Ende, wenn er nicht realisiert, was das Wort »keine Zeit haben« bedeutet:

dass nämlich der Raum diese Zeit absorbiert hat; mit anderen Worten, dass alles erstarrt (die Hetze and Gehetztheit [die Leerlauf sind] and das betriebsame Managertum dürfen dabei als die gegensätzliche Manifestation der erwähnten Erstarrung betrachtet werden); oder auf der anderen Seite: dass die »Zeit« den Raum auflöst, weil sie als bloßer Teiler verwendet wird. Er ist jedoch frei, wenn er realisiert, dass »Zeit« alle bisherigen Zeitformen mitmeint.

Nur die Anerkennung aller den Menschen mitkonstituierenden Zeitformen entrückt ihn der ausschließlichen Gültigkeit der mentalen Zeitform, schafft Distanz, befähigt ihn zu ihrer Integrierung. Der Mut, die praerationale magische Zeitlosigkeit und die irrationale mythische Zeithaftigkeit neben dem mentalen Zeitbegriff als wirkend anzuerkennen, ermöglicht den Sprung in die arationale Zeitfreiheit.

Diese ist nicht etwa ein Freisein von früheren Zeitformen, die ja jeden Menschen mitkonstituieren. Sie ist zuerst einmal ein Freisein zu ihnen. Aus dieser Art Freisein, die aus der Konkretion and der Integration aller Zeitformen hervorgeht and als solche nur von einem Bewusstsein geleistet werden kann, das sich frei »über« die bisherigen Zeitformen zu stellen vermag, kann eine bewusste Annäherung an den Ursprung erfolgen. Aus ihm, der nicht zeitgebunden ist, mutierten alle uns konstituierenden Zeitformen.

Er liegt »vor« aller Zeitlosigkeit, Zeithaftigkeit and Zeit. Dort wo die vorgegebene, vorbewusste, ursprunghafte Vorzeitlosigkeit im Menschen bewusst wird, steht der Mensch nachholend, bewusst in der gegenwärtigenden Zeitfreiheit. Und wo dies vollzogen wird, da sind Ursprung and Gegenwart durch das intensivierte Bewusstsein integriert.

Der Einbruch der Zeit in unser Bewusstsein ist das erste Anzeichen, das Initialthema der heute akuten Bewusstseinsmutation. Diese Mutation wird ihre weltverändernden Früchte tragen, wenn es uns gelingt, den Einbruch der Zeit zu überwinden: das aber kommt dem gleich, was sich als Gegenwärtigung des Ursprungs bezeichnen lässt, die dann vollziehbar wird, wenn uns die Erfüllung der Hauptaufgabe der neuen Mutation gelingt:

die Bewusstwerdung der Zeitfreiheit, des Achronon.

Aus Jean Gebser „Ursprung und Gegenwart“

2. Die Bewusstwerdung des Ganzen

Die Bewusstwerdung dessen, was »Zeit« in ihrer ganzen Komplexität ist, ist Voraussetzung für die Bewusstwerdung der Zeitfreiheit. Und diese ist Voraussetzung für die Realisation der integralen Bewusstseinsstruktur, die eine aperspektivische Weltsicht ermöglicht. Das Ganze ist nur aperspektivisch wahrnehmbar. Perspektivisch sehend, sehen wir nur Teile. Begrifflich können wir uns dem Ganzen jedoch nur über die Ganzheiten annähern.

Was aber sind Ganzheiten? Diesen vielverwendeten Begriff, der destruktiv noch bis in die »totalitären« Konzeptionen wirksam war, weil er dort mit dem »vitalistischen« Prinzip gekoppelt wurde, das aber nur den vitalen Aspekt der »Zeit« darstellt, gilt es näher zu definieren. Eine Ganzheit ist keine Zusammenfassung vieler materieller Teile; wäre sie das, wäre sie nur ein voluminöser Teil oder eine Summe. Eine Ganzheit ist aber auch nicht die Zusammenfassung materieller Teile mit einem der möglichen Zeitaspekte, wie sie beispielsweise im Totalitarismus statthatte. Echte Ganzheiten konstituieren sich nur dort, wo wir räumlichen and zeitlichen Komponenten in der ihnen gemäßen Art zu gemeinsamem Wirkungsbestand verhelfen. (Fine echte Ganzheit in diesem Sinne ist »Der Mensch als Ganzheit seiner Mutationen«, wie er in Kapitel IV des ersten Teiles dargestellt worden ist.) Ganzheiten sind also nicht Summierungen von Teilen, sondern ergeben sich dort, wo Teile, die stets raumgebunden sind, bewu8t mit den sie bewirkenden Kräften zusammen wahrgenommen werden: »zeitliche« Funktionalen zusammen mit räumlicher Materie sind Ganzheiten.

Eine ganzheitliche Betrachtungsweise, wie sie heute bereits einige wissenschaftliche Disziplinen vertreten, konnte sich im allgemeinen Bewusstsein noch nicht durchsetzen, da der Mensch von heute noch immer gemäß der dreidimensionalen Vorstellungswelt dachte and handelte. So betrachtete er nach wie vor nur einen Aspekt der Welt als wirklich, nämlich den räumlichen, and die Zeit blieb, was sie gewesen war:

Uhrenzeit, bestenfalls noch Lieferfrist, Verfallstermin, and nebenbei noch etwa Lebensdauer, an die man möglichst nicht dachte, da man vor dieser Zeit, die hier besonders begrenzt wirkt, Angst hatte. Was aber bedeutet es denn, wenn man dergestalt nur einen Aspekt der Welt sieht, wenn man nur einen Teil der Wirklichkeit sieht?

Es bedeutet, dass man nicht ganzheitlich sieht, sondern die Welt teilt. Wer aber nur einen Teil der Welt realisiert oder anerkennt, zum Beispiel den räumlichen, und dies zu einer Stunde, da auch der andere Teil, der zeitliche, bereits zu bewusster Wirkung and Wirklichkeit im Menschen erwacht ist, sollte sich nicht wundern, wenn er eines Tages selber geteilt wird oder nur noch als Teil einer Masse erscheint. Das aber bedeutet, dass er, and mit ihm seine Welt, zerstückelt and zerstört wird, oder dass er sich selber zerstückelt and zerstört, wie es die Atomspaltung in Aussicht stellt.

Unser Europa hat mit den zwei Weltkriegen, die es auslöste, diese Selbstzerstörung in selbstmörderischem Ausmaße begonnen. Vielen wird dieses Beispiel nicht behagen, weil sie glauben, man könne noch immer irgendeinem Nachbarn die Schuld für alles Unglück aufbürden. Aber es gibt noch andere Beweise für die zumindest vorübergehende, keineswegs unverschuldete Ohnmacht unseres Kontinents. Die Theorien, die das Antlitz der heutigen Weltstunde von Grund auf veränderten, wurden – and wir wollen das keineswegs vergessen – in Europa geboren. Aber es scheint, dass wir von der folgenschweren Tragweite dieser Theorien zuerst einmal wie betäubt waren. Wir haben sie zwar geschaffen, aber wir haben sie nicht verwalten können.

Um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen, das sich für unsere Ohnmacht and Lahmung anführen lässt, sei auf das Schicksal der materialistischen Theorien verwiesen, die wie viele andere Theorien, welche wir in Europa erarbeiteten, weltverändernd wirkten, and die, wie vieles andere auch, von anderer Seite missbraucht wurden, weil wir nicht die Bewusstseinsstärke aufbrachten, sie mit voller Verantwortung zu verwalten. Wir haben es zugelassen, dass die neuen soziologischen Theorien, statt dass wir ihre überholten dreidimensionalen Grundlagen umgestalteten, durch eine europäische Nachfolge-Kultur, die russische, missbraucht wurden.

Sie hat den auf Hegel, Marx and Engels zurückgehenden Marxismus in den Leninismus und dann in den Stalinismus übersteigert and umgefälscht, weil Europa an der dualistischen Weltvorstellung festhielt, als deren Zeit schon um war. Es ist uns, als europäisch-atlantischer Gesamtheit, in dem entscheidenden Moment noch nicht gelungen, den Sprung aus der dreidimensionalen Welt unserer Väter in die vierdimensionale Wirklichkeit unserer Tage zu vollziehen.

Und solange wir ihn nicht vollziehen, werden Krisen, Unsicherheit and Angst weiterherrschen. Sie können uns über kurzem zerstören, es sei denn, es gelänge uns die Realisation der neuen Weltwirklichkeit. Mit andern Worten: wir müssen eine neue Einstellung zu den neuen Gegebenheiten der Wirklichkeit gewinnen, die sich in einer neuen Weltsicht kristallisiert. Die Realisierung der neuen Haltung durch uns wird deshalb entscheidend zur Lösung der uns bedrängenden Probleme beitragen, weil die aus ihr hervorgehende neue Einstellung der heutigen Wirklichkeit entsprechen würde and somit gesund wäre.

Gesunder jedenfalls, als es die des eiskalten dogmatischen Fanatismus östlicher Prägung ist; and dann wäre sie auch sicherer and stärker als diese and ihr deshalb überlegen! Denn der Stärkere, nicht der Mächtigere siegt, weil Macht auch immer von Ohnmacht bedroht ist. Wer den Machtanspruch zurückstellt, entgeht der Ohnmacht. Da wir bereits in einer vierdimensionalen Wirklichkeit leben, ist es nicht mehr statthaft, noch unbesonnen so zu denken and zu handeln, als lebten wir noch immer in der dreidimensionalen Welt unserer Väter and Vorväter.

Ist es deshalb wirklich berechtigt, dass uns das heutige Nicht-zu-Rande-Kommen unsicher macht and bedrückt? Dafür ist es nachgerade doch wohl zu offensichtlich geworden, dass irgend etwas Fundamentales nicht stimmt.

Um diese unsere Situation ganz krass zu schildern, möchten wir ein drastisches Beispiel gebrauchen: Wir bewegen uns in unserer modernen Welt so, wie sich ein »Wilder«, den man gerade aus dem Urwald geholt hat, in der Welt unserer Väter bewegt haben würde. Der primitive Mensch ist in der praerationalen, bestenfalls der irrationalen Welt beheimatet, die er vornehmlich vegetativ erlebt, also ohne die Stützen des begrifflichen Denkens and somit ohne die Kenntnis eines Raumbegriffes.

Anders unsere Väter, die in der dreidimensionalen, mental-rationalen, also der begrifflichen Raum- and Denkwelt zu Hause waren und sich so lange in ihr wohlbefanden, als die Möglichkeit einer anders dimensionierten Welt für ihr Bewusstsein noch nicht bestand.

Oder ein anderer Vergleich: Wir verhalten uns wie einer, der versucht, in einem Zimmer mit einem Ultraschallflugzeug zu fliegen. Mit anderen Worten: wir versuchen in einer Welt, dem Zimmer, das ein dreidimensionaler Raum ist, ein Produkt vierdimensionaler Art, ein Ultraschall-Flugzeug, anzuwenden, das unser bisheriges, nur räumlich orientiertes Wahrnehmungsvermögen übersteigt.

Ein drittes Beispiel kann uns eine Ahnung davon vermitteln, was durch die Hereinnahme des Zeitthemas in unsere Betrachtungsweise zu gewinnen ist. Es zeigt deutlich, was für uns erreichbar wird, wenn es uns gelingt, nicht nur räumlich and damit teilhaft and teilend zu denken, sondern auch die »Zeit« in ihrer ganzen Komplexität in unsere Wirklichkeit einzubeziehen.

Das dritte Beispiel betrifft das bisherige Verhaftetsein an den Nationalismus. Das nationalistische Denken ist ein Prototyp des dreidimensionalen Denkens. Der Mensch als Kind einer Nation fasst nämlich Art and Wesen der eigenen Nation als ideale Konstante auf; das aber ist ein statisches Konzept and damit eine dreidimensionale, perspektivische, fixierte Vorstellung. Heute müssen wir, wie neueste geschichtsphilosophische and soziologische Überlegungen erweisen, die Nationen als dynamische Einzelentfaltungen eines größeren Kulturkreises betrachten. Sobald wir uns dieser Tatsache bewusst werden, ist der Nationalismus zwar nicht abgeschafft, aber überwunden.

Er ist dann in einer weiteren, umfassenderen Wirklichkeit integriert worden, weil nicht mehr die Teile, die Nationen, sondern die sie umfassende Ganzheit, der betreffende Kulturkreis, Wirkungs- und Bewusstwerdungsmöglichkeit erhält.

Gerade dieses Beispiel scheint wertvoll and aufschlussreich, denn es zeigt nicht nur, dass eine neue, konstruktive Weltsicht oder Betrachtungsweise der Gegebenheiten möglich ist, sondern enthält als wesentlich vor allem zwei Komponenten, welche ausschlaggebend dafür sein dürften, dass diese neue Weltsicht realisierbar wird. Diese beiden Komponenten sind die zeitliche and die ganzheitliche. Die zeitliche wird in der Auffassung sichtbar, dass Nationen keine statischen Ideen seien, sondern dynamische Einzelentfaltungen eines größeren Kulturkreises.

In dem Moment, da die zeitliche Komponente in die Betrachtung hineingenommen wird, kommt auch das ganzheitliche Moment zum Durchbruch, denn es schließt sich zu einer Ganzheit zusammen, was, bloß räumlich gesehen, sich feindlich and gegensätzlich gegenüberstand. Eine neue Ausgangsbasis ist gewonnen, die neue Weltsicht ist auf einem wesentlichen Gebiet vollzogen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass sich heute überall in den Wissenschaften eine Neigung zu ganzheitlicher Betrachtung zeigt, wenn sie auch nur dort positive Resultate zeitigt, wo diese oder jene der vielfältigen Manifestationsformen der »Zeit« in die Betrachtung hereingenommen werden.

So war es möglich, dass der alte Gegensatz zwischen Anorganisch and Organisch als nicht bestehend erkannt wurde. An seine Stelle tritt eine Annäherung zwischen Physik and Biologie, die nicht nur in der Quantenbiologie sichtbar wird. Dasselbe gilt für die Biologie hinsichtlich der Psychologie; statt des alten Dualismus: hier Körper, dort Seele, finden wir die Psychosomatik, der eine ganzheitliche Auffassung des Menschen gelungen ist, and die es bereits vermag, den ganzen Menschen (so bei G. R. Heyer and bei Arthur Jores) wahrnehmbar zu machen. Von der Psychologie führt eine Brücke hinüber zur Philosophie, die in der Existenzphilosophie Karl Jaspers‘ einen Ganzheit anstrebenden Ausdruck erfuhr. Und die Philosophie bewerkstelligt sogar die Fühlungnahme mit einem ihr bisher diametral gegenüberstehenden Felde unserer Kultur: eine Fühlungnahme mit der Literatur, die unter der Bezeichnung »Literaturmetaphysik« versucht wurde.

Diese ganzheitlichen Leistungen, die zugleich eine Auflösung einstiger Antagonismen und Dualismen darstellen, waren aber nur möglich, weil, gewusst oder ungewusst, für alle, die sie vollbrachten, das dreidimensionale räumliche Weltgefüge nicht mehr ausschließliche Gültigkeit hatte.

Überall dort, wo wir ganzheitlichen Bestrebungen begegnen, die auch die Zeit-Thematik in ihrer vollen Wirksamkeit und verschiedenartigen Äußerungsform berücksichtigen, nähern wir uns begrifflich jenem Ganzen an, das nur durch eine Realisationsform wahrnehmbar werden kann, welche den Mut aufbringt, »über« die bloße Begriffsbildung hinauszugehen, ohne deshalb etwa in die psychische Bilderwelt oder in die magische Erlebnissphäre abzusinken.

Da die Realisierung der Zeitfreiheit Vorbedingung für die Realisierung des Ganzen ist, ist es nötig darauf hinzuweisen, dass beide dafür jenes zusätzlichen Bewusstseinsvermögens bedürfen, das in der Bewusstseinsmutation akut wird, die sich in unsern Tagen vollzieht und die nachzuweisen Aufgabe dieser Seiten ist.

Bloße mentale Wachheit reicht zur Realisierung der genannten Wirklichkeit nicht aus. Die Tageswachheit ermöglicht nur die Realisierung des Teilenden und Einteilenden, lässt Licht auf den Weg, den »Tao«, fallen, solange das mentale Bewusstsein in den Gegebenheiten des hellen Tages lebt, der nur Teiler ist: Teiler der Nacht, des Traumes, des Schlafes, der Welt, gleichwie der Begriff Zeit nur Teiler ist; solange ihr Teilen nicht Selbstzweck ist, geben sie uns indirekt auch gültige Kenntnis vom Ungeteilten.

Wird die Welt jedoch nur als Wachheit gesehen, so bedeutet dies den Verlust des ungeteilten Traum- and Schlafhaften and bringt das Abgeteiltsein von diesen Komponenten mit sich: die teilende Tat führt zum Tod — des Menschen und seiner ganzen Kultur. Wachheit allein also genügt nicht, schon gar nicht jene Haltung des Nichts-als-Wachseins.

Wohl aber Klarheit. Nur sie ist frei von Helligkeit, Zwielicht and Dunkel and deshalb fähig, das Ganze zu durchblicken, in welchem schlafhafte Zeitlosigkeit, traumhafte Zeithaftigkeit and mentale Begriffswelt diaphan werden. Der so wahrnimmt, ist zeitfrei. Und wer zeitfrei ist, durchsieht das Ganze, dem er nicht als ein Teil, sondern als Ganzheit eingewirkt ist.
Fortsetzung: „Die Beichte Petrarcas“ bitte hier klicken

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4 Antworten zu Jean Gebser und das Geldsystem

  1. Pingback: Philosoph Jean Gebser zum Geldsystem

  2. Pingback: Petrarca schaut erstmals den Raum und beichtet | Was ist denn eigentlich Geld?

  3. bekannt schreibt:

    WOW !! Sehr guter Blog! Respekt.

  4. Stefan Uhlig schreibt:

    Ja, wirklich, sehr informativ. Ich bin „Fan“ von Gebser!

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