Prof. Sloterdijk erklärt den Kapitalismus

Sloterdijk veröffentlicht in der FAZ: Denn da stecken ja die klugen Köpfe hinter

Für die FAZ ungewohnt reißerische Schlagzeilen:

Ich zitiere mal:
Sloterdijk rechnet mit dem Steuerstaat ab – Revolution – Willkür – Diebe an der Macht – Kleptokratie – Geldsaugende Ungeheuer – Enteignung – noch mal Kleptokratie – umgekehrte Ausbeutung

Die letzte Schlagzeile läßt die Empörung der FAZ regelrecht spüren. Jetzt werden schon die Ausbeuter ausgebeutet, das ist wirklich schlimm.

Gut, daß wir unseren Sloterdijk haben. Der rechnet damit jetzt ab.
Sloterdijk bezieht sich auf Proudhon

Interessante Lektüre, denn Sloterdijk bezieht sich auf Proudhon

Zitat:
„Was unter der juristischen Form von freien Tauschvereinbarungen zwischen Unternehmern und Arbeitern abgeschlossen werde, sei in der Sache nur ein weiterer Anwendungsfall dessen, was Proudhon das „erpresserische Eigentum“ genannt hatte.

Es führt geradewegs zu jenem Mehrwertdiebstahl, der vorgeblich in allen Gewinnen der Kapitalseite zutage tritt. In der Lohnzahlung verberge sich ein Nehmen unter dem Vorwand des Gebens; mit ihr geschehe eine Plünderung im Gewand des freiwilligen, gerechten Tauschs.“


Proudhon mit seinen Kindern

Soweit die noch immer gültigen Erkenntnisse von Proudhon.
Sloterdijk ist aber schlauer als Proudhon

Zitat:
„Das Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen.
Vielmehr verbirgt es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern. Es ist die Sorge um die Rückzahlung von Krediten, die das moderne Wirtschaften von Anfang an vorantreibt – und angesichts dieser Sorge stehen Kapital und Arbeit auf derselben Seite.“

Kapital und Arbeit stehen nicht auf derselben Seite, sondern konkurrieren um die Erträge, die aus Arbeit entstehen. Nebenbei mag ich den sprachlichen Kunstgriff nicht, „Kapital“ und „Arbeit“, zwei Abstrakti mit Sorgen zu versehen und so zu vermenschlichen.

Der Kredit ist die Seele des Betriebs

Zitat:
„Immerhin, in diesen Finanzkrisentagen erfährt man es schon aus den Boulevardzeitungen: Der Kredit ist die Seele jedes Betriebs, und die Löhne sind zunächst und zumeist von geliehenem Geld zu bezahlen – und nur bei Erfolg auch aus Gewinnen.“

Du meine Güte: „Kredit ist die Seele jedes Betriebes“.

Ich dachte, die darin arbeitenden Menschen (mitarbeitende Unternehmer wie Angestellte) sind die Seelen eines Betriebes.

Auch das weiß Sloterdijk besser. Warum sollte man auch 1-Euro-Jobbern, kostenlosen Praktikanten und Zeitarbeitern eine Seele zusprechen?

Nein, die Seele hat das durch Kredit vermittelte Kapital.

Als Kapitalgeber gibt man nicht „Kapital“, sondern Seele in den Betrieb. Man verschuldet einen Betrieb also nicht mehr, sondern gibt ihm erst Seele.

Im übrigen. Auch im Falle des Mißerfolges wird der Kredit oft „bezahlt“. Der hochverschuldete kreditnehmende Unternehmer und Arbeitgeber ist dann seine verpfändeten Sicherheiten und damit seine Existenz los und trifft sich mit seinen ehemaligen Arbeitnehmern als HartzIV-Empfänger beim Spargel-Ernten.

Der ewig getriebene Schuldner

Sloterdijk weiter:
„Das Profitstreben ist ein Epiphänomen des Schuldendienstes, und die faustische Unruhe des ewig getriebenen Unternehmers ist der psychische Reflex des Zinsenstresses.“

Hier beschreibt er richtig die Nöte des hochverschuldeten Unternehmers, der sich in Schulden stürzen muß, um Löhne bezahlen zu können und seitdem im Hamsterrad der Interessen der Kapitalgeber gefangen ist.

Die tollen Leistungsträger

Zitat:
„Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommenssteuerbudgets bestreitet.“

Das kommt davon, wenn man zuviel Spiegel/Bild liest und RTL2 guckt. Sloterdijk scheint sein Wissen zur Finanzkrise und zu aktuellen geldpolitischen Zusammenhängen aus den Boulevardzeitungen zu beziehen, wie er ja selber oben zugibt.

Die undifferenzierte Verwendung von „Leistungsträger“ läßt durchblicken, daß nicht Sloterdijk hier denkt, sondern die vielen PR-Artikel der neoliberalen Bertelsmann-Connection erfolgreich Sloterdijk denken.

Das Steuermärchen

Die „Handvoll Leistungsträger bestreiten also die Hälfte des nationalen Einkommenssteuerbudgets“.

Auch wieder neoliberales PR-Getöse. Die Einkommenssteuer ist unbedeutend.

Sloterdijks Aussage ist einfach nur falsch. Es stimmt nicht, ist von der INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Teil der Bertelsmann-Connection, Beitrag zu diesem Verein folgt noch) in die Welt gesetzt worden.

Korrekt ist, daß die Lohnsteuer nach wie vor über 90% des Einkommenssteuerbudgets bestreitet und über 30% des Gesamtsteueraufkommens.

Was Sloterdijk blind wiederholt, ist, daß ca. 10% der Personen, die der veranlagten Einkommenssteuer unterliegen, mehr als 50% zu dieser Untermenge beitragen. Der Anteil am Gesamtsteueraufkommen liegt unter 2%.

Sloterdijk weiß, daß die „Unproduktiven“ auf Kosten der „Produktiven“ leben

Das ist ein Allgemeinplatz, der immer gültig ist.

Natürlich lebt der Zinsbezieher von demjenigen, der die Arbeit für ihn tun muß. Es leben immer die Unproduktiven von den Produktiven. Bei Kranken, Alten und Kindern ist das sogar (bislang) gesellschaftlich akzeptiert.

Aber das meint Sloterdijk nicht.

Zitat:
„Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt.“

Sloterdijk meint also nicht diejenigen, die ohne Arbeit immer reicher werden. Er meint auch nicht die übernationalen Corporations, die weitestgehend von Abgaben befreit wurden. Nein, die meint er nicht.

Er meint die „Population“, er schreibt von „Beziehern“ (er schreibt wohlweislich nicht von Menschen), die Null-Einkommen hätten und dann auch noch unverschämterweise von Abgaben „befreit“ werden.

Erst kein Einkommen haben und davon auch noch keine Abgaben zahlen wollen. Das ist wirklich eine Unverschämtheit!

Außerdem auch noch falsch. Prof. Sloterdijk hat offensichtlich keine Kenntnis von der Mehrwertsteuer, die den Ärmsten der Armen überdurchschnittlich belastet. Das ist häufig bei Vermögenden so, denn da ist die Mehrwertsteuer ein unbedeutender Posten in der Steuerbelastung und wird als Freiberufler eh nur durchgereicht.

Die niederen Einkommen

Richtig bemerkt er, daß
Zitat:
„Tatsächlich besteht inzwischen gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Null-Einkommen oder niederen Einkünften“

Darin, daß eine stetig wachsende Schar von Tätigen für ihre Arbeit immer weniger Geld erhalten, darin sieht er keinen Skandal. Warum sieht er darin nicht den Skandal? Weil diese „Population“ halt „unproduktiv ist“. Beweis: Sie erhalten für ihre Tätigkeiten kaum Einkommen. Insbesondere im Vergleich mit den Honoraren, die Sloterdijk für Talk-Show-Auftritte bezieht.

Und diese „Unproduktiven“ sind diejenigen, die die „Produktiven“, ja die „Leistungsträger“ ausbeuten.

Mir fällt dabei auf, daß Sloterdijk zusammen mit der FAZ sublim die Populationskategorie der Null-Einkommen-Bezieher einführt.

Ein um 100% gekürzter Hartz-IV-Leistungsbezieher ist also selbst bei Null-Einkommen ein Ausbeuter der „Leistungsträger und Produktiven“, weil er sich ja der Abgaben verweigert.

Hier geht es zur Quelle:
FAZ – Sloterdijk rechnet mit dem Staat ab

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Sloterdijk erklärt das Geldsystem abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Prof. Sloterdijk erklärt den Kapitalismus

  1. Purwebber schreibt:

    Hm. Die Widersprüche sind gut herausgearbeitet. Aber da bilden sich sofort neue. Wenn z.B. die Mehrwertsteuer so ungerecht ist (und das ist sie), dann führt eine Erhöhung sofort zu mehr Ungerechtigkeit. Also sollte man sie doch sofort abschaffen? Wem nützen denn die Steuern wirklich – oder anders gefragt – wieviel der Steuern kommen tatsächlich bei denen an, die „bedürftig“ sind? Was ist bedürftig? Gibt es ein Recht auf Bedürftigkeit? Fragen über Fragen.
    Antworten? – mal Ayn Rand „Der Streik“ lesen. Da kann man eine Vorstellung über eine alternative Welt mit einem anderen Moralkodex bekommen: http://www.pur-web.info/ayn-rand-der-streik.php

  2. Kurator schreibt:

    Ayn Rand, Ex-Geliebte eines Rothschilds, hatte sicherlich alternative Moralvorstellungen. Ihr recht esoterisches Werk „Atlas Shrugged“ wird hier noch Thema sein. Die Mehrwertsteuer ist in der Tat eine wunderbare Steuer, um Verelendungen gezielt zu steuern. Nicht nur, daß es die einzige Steuer ist, die theoretisch auf über 100% gesetzt werden kann, sie kann ganze Gegenden leicht illiquide machen, je fleißiger die Steuerpflichtigen, desto schneller. Als Beispiel diene uns ein schwarzwäldisches Dorf mit lauter Handwerkern. Die handwerkern dann steuerehrlich fleißig vor sich hin. Mit jeder einzelnen Rechnung geht fast ein Fünftel des Geldes nach Berlin, kommt es von dort nicht zurück, sondern geht an irgendwelche Kapitalherren (Schuldentilgung), dann sind die schneller illiquide als sie gucken können, Fleiß beschleunigt dann sogar den Ruin.

  3. Kurator schreibt:

    Guter Link zu Ayn Rand. Danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s