Wie das Geldsystem die Literatur prägt

Zur Zeit als Balzac schrieb (er starb 1850), befand sich die riesige Konzentration des Kapitals, das unsere Epoche prägte, erst in den Anfängen, auch in Frankreich.

Warenhäuser [34], deren Ganglänge in Kilometern gemessen werden, in denen Verkäufer und Verkäuferinnen tätig sind, deren Zahl nach Tausenden beziffert wird, waren noch unbekannt; jene Warenhäuser, in denen alle möglichen Handelsobjekte zentralisiert sind und in besonderen Abteilungen feilgehalten werden, so daß man in ihnen ebensogut Schreibrequisiten und Parfümeriewaren wie Haushaltsartikel, Hüte und Anzüge, Handschuhe, Schuhe, Wäsche und Sattlerwaren findet.

Damals gab es auch noch keine Spinnereien, Webereien, Hüttenwerke und Hochöfen, die ein ganz Volk von Arbeitern und Arbeiterinnen beschäftigten.

Paul Lafargue

Man wußte auch noch nichts von Finanzgesellschaften, die mit zehn- und hundertstelligen Millionenbeträgen operieren.

Wohl existierte ein Kampf ums Dasein, den es ja immer gegeben hat – wenngleich damals seine Theorie noch nicht formuliert und der heute gebräuchliche Ausdruck für das Faktum noch nicht gefunden war – , aber der Kampf ums Dasein zeigte eine andere Form und andere charakteristische Eigentümlichkeiten als in unseren Tagen, wo er durch das Auftreten von ökonomischen Riesengebilden, wie die, von denen bereits die Rede war, wesentlich modifiziert worden ist.

Damals war der Kampf ums Dasein noch nicht demoralisierend; er degradierte die Menschen nicht, sondern entwickelte in ihnen gewisse Vorzüge wie Mut, Ausdauer, Klugheit, Vorsicht und Voraussicht, Ordnungssinn usw.
Balzac beobachtete folglich Menschen, die mit ihren eigenen physischen oder geistigen Kräften gegeneinander kämpfen.

Der Kampf um Dasein, den die Menschen in jenen Tagen führten, wies eine große Ähnlichkeit mit dem Kampf ums Dasein der Tiere auf, die einander im körperlichen Ringen mit Klauen und Zähnen, mit Gewandtheit und List zu überwinden suchen.

Honore de Balzac

In unseren Tagen hat hingegen der Kampf ums Dasein einen anderen Charakter angenommen, der in dem Maße schärfer und ausgeprägter sichtbar wird, als sich die kapitalistische Produktion entwickelt.

Der Kampf der einzelnen Menschen unter- und miteinander wird durch den Kampf der ökonomischen Organisationen (Banken, Fabriken, Minen, Kaufhäuser) untereinander abgelöst und beseitigt.

Die Kraft und die Klugheit des einzelnen verschwinden vor ihrer unwiderstehlichen Macht, die blind wie die Natur waltet. Der Mensch wird von ihrem Räderwerk erfaßt, in die Höhe gewirbelt, fortgeführt, wie ein Ball hin und her geschleudert, heute auf den Gipfel des irdischen Glücks gehoben, morgen aus seiner Höhe heruntergestürzt, wie ein armseliger Strohhalm sofort mit Füßen getreten, ohne daß er den ökonomischen Organismen mit Aufbietung all seiner Klugheit, mit Anspannung all seiner Energien den geringsten Widerstand entgegensetzen könnte.

Die ökonomische Notwendigkeit tritt heute dem Menschen als Übermacht gegenüber.

Die Kräfte, die die Menschen zu Balzacs Zeiten darauf verwendeten, auf die Schultern ihrer Konkurrenten zu klettern, um dadurch in der Gesellschaft hochzukommen, und über deren Leiber vorwärtszumarschieren, diese Zeit müssen sie heute verwenden, um elend und erbärmlich vegitieren zu können.

Schritt für Schritt, wie sich der frühere Charakter des Kampfes ums Dasein verflüchtigt hat, hat sich auch die Natur des Menschen selbst notwendigerweise verändert, sie ist niedriger, kleinlicher geworden.

Emile Zola

Diese Verkrüppelung der verzwergten Menschen spiegelt sich in der modernen Romanliteratur wieder.

Der Roman strotzt nicht mehr von tollen Abenteuern, in die sich der Held stürzt, wie ein wildes Tier in die Arena, um seine Kräfte an den wunderbarsten, ungewöhnlichsten Ereignissen siegreich zu erproben, zur großen Befriedigung des gefesselten Lesers, der im eigenen Inneren die kühne Unerschrockenheit, die leidenschaftliche Glut der ihm vorgezauberten Gestalten nachfühlt, die vor keiner der anscheinend unüberwindlichen Schwierigkeiten zurückschrecken, mit denen ihr Weg absichtlich gepflastert worden ist.

Wenn die modernen Romanciers das Interesse befriedigen wollen, das die Leser gewisser Klassen den Wechselfällen des Kampfes eines Individuums entgegenbringen, so wählen sie ihr Helden aus der Welt der Gauner und Gauckler, in der man noch Verhältnisse findet, die den Menschen der Zivilisation zwingen, mit der Verschlagenheit, dem Mut und der Grausamkeit eines Wilden um sein Dasein zu kämpfen.

In den übrigen Kreisen der Gesellschaft ist der Kampf so farblos und einförmig, daß ihm jedes packendes Element fehlt.
Die Romanciers, die für die sogenannten höheren und gebildeten Klassen schreiben, sehen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, jede dramatische Situation aus ihren Werken zu verbannen; es gilt als höchste Kunst der neuen Schule, auf Handlung zu verzichten, und da ihre Jünger keinen Sinn mehr für Kritik und Philosophie besitzen, so sind ihre Werke bloße Übungen sprachlicher Akrobatik, sie sind vollendete Schüler der Rhetorik.

Warenhaus

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