Kann das Geld vielleicht denken?

Es gibt eine Gruppe von Guerilla-Aktivisten, die tatsächlich glauben, daß das Geld denkt. Sie nennen sich GPI (gesprochen Gippies)

»Es können alle mitmachen, die eine Organisation suchen, die sich von der Umwelt, in der sie agiert, durch keinerlei Grundsätze unterscheidet. Einzige Besonderheit: Wir meinen, dass das Geld denkt.«

Aber ist das, wende ich ein, nicht die abgeschmackteste Spielart der Diskussion um »künstliche Intelligenz«, hat man nicht zu oft gehört, dass Quantencomputer denken werden oder das Internet irgendwann seiner selbst bewusst werden könnte?

»Im Unterschied zu Leuten, die glauben, dass aus dem Internet eine Intelligenz entstehen kann, glauben wir, dass Intelligenz Interesse voraussetzt, Intentionalität. Geld hat das: Es will sich reproduzieren.

Dazu nutzt es die Märkte, den Trading Floor, die Volkswirtschaften, sogar die mathematischen Modelle, die es beschreiben sollen. Sobald jemand ein Modell entwickelt, das die Zirkulation beschreibt, wird wer versuchen, dieses Modell zu instrumentalisieren. Damit Geld zu verdienen. Das wird das Modell zügig obsolet machen, und durch diese stete Selbstkorrektur ist die erste Schicht des Geldbewusstseins, sein primäres Selbstbewusstsein sozusagen, schon bezeichnet.«

Sie liest auf meinem Gesicht, dass ich in diesen Ausführungen eher intellektuelle Arabesken sehe als unmittelbar zwingende Analysen, was immer sie auch Näheres wissen und sagen mag über »self-disturbance« und Feedbackschlaufen. Deshalb bin ich ja auch gar nicht hier, sondern weil die Aktionen der GPI gegen Banken, das Zu-Fall-Bringen einer Biotechfirma meine politische Neugier geweckt haben.

Daher die Gretchenfrage: Stehen Gippies links?

»Nein – das ist ein Missverständnis. Wenn die Linke seit Marx versucht, die Gesellschaft und ihre Ökonomie dem Glück und der Emanzipation der Menschen zur Verfügung zu stellen, stehen wir so weit rechts wie überhaupt möglich.

Wir glauben nicht, was die großen linken Revolutionen geglaubt haben, also die bürgerliche in Frankreich und die sezessionistische in den USA oder die sich als proletarisch auffassende in Russland. Wir teilen nicht deren Idee, dass die Verhältnisse, die der Mensch sich eingerichtet hat, von diesem per Beschluss, Gesellschaftsvertrag, Rätesystem und so fort geändert werden können.

Das Eigengewicht dieser Verhältnisse ist zu groß geworden. Wir erkennen also die gewordene Autonomie der ursprünglich von Menschen gemachten Verhältnisse an. Wir wollen daran nichts mehr verbessern.

Wenn diese Prozesse die Menschen in Schach halten, dann ist das eben so. Wir treiben nur Selbsterhaltung, sehr defensiv.

Deshalb gibt es uns politisch gesehen eigentlich nicht – wir sind eine journalistische Erfindung, ein literarischer Betrug. Informationen über uns sind Halbwahrheiten. Die GPI sieht aus wie eine Ente, quakt wie eine Ente und hat nasse Füße. Also wird sie wohl eine Ente sein.«

Wenn es euch politisch nicht gibt, warum hört man überhaupt von euch, warum machen sich die Leute die Mühe, Gippie-Aktionen zu starten, warum gibst du mir dieses Interview?

»Wir wollen uns dem Geld bemerkbar machen. Ihm klarmachen, dass es sich lohnen könnte, wenn die beiden großen Intelligenzen, die der Planet hervorgebracht hat, miteinander kommunizieren.«

Was sollen die Menschen dem Geld denn mitteilen? »Dass wir es geschaffen haben. Dass es nur unseretwegen existiert.«

Und wieso ist es so wichtig, dass es das weiß?

»Das bringt uns zurück zur GPI als Defensivprojekt. Das Geld ist sehr mächtig, es wird immer klüger, entwickelt sich viel schneller als wir.

Wenn es weiß, dass es uns seine Existenz verdankt, wird es drüber nachdenken, ob es dankbar sein will, ob es einsam sein möchte oder lieber uns als Partner, als Gesprächs-Gegenüber hat.«

Heike W. macht eine Pause, lächelt dann und sagt: »Wenn es darüber erstmal nachdenkt, lässt es uns vielleicht am Leben.«

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