Thomas Huber – Der Duft des Geldes

Prolog:

Eine große deutsche Bank, die ein im Bau befindliches Filialgebäude mit Kunst verschönern wollte, schrieb einen Wettbewerb zur Gestaltung der Fassade aus, zu dem auch Thomas Huber eingeladen wurde. …

Die Metaphern, die ihn bei der Zeichnung des Gesichtes einer Bank beschäftigten, hatte er auf drei Fassaden- und Grundrisspläne des Bankgebäudes aquarelliert und anhand eines zusätzlichen Modells erläuterte er der Wettbewerbsjury (hauptsächlich bestehend aus den beteiligten Bankvorständen und -direktoren) den Kreislauf, in dem das Kapital zur Seife verschmolzen wird sowie die Bedeutung dieses zyklischen Prozesses.
Die gedanklichen Ausführungen waren der Jury zunächst gut verständlich. Der Vortrag wurde mit Kopfnicken oder auch ernster Betroffenheit begleitet. …

Aber auch das Geld soll sich an die Schönheit der Bilder verschenken, die Bank soll rauchen und dabei soll am Ende auch noch Seife herauskommen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wandelte sich das Kopfnicken der Banker, wurde zum Kopfschütteln, es wurde gelacht. Das Unverständnis gegenüber Hubers Anliegen wurde bestimmend.


Thoma Huber – Kartenhaus Bankfassade
1990 Silberstift auf rot eingefärbter Holztafel 150×100 cm

Vorherrschend war anscheinend die Furcht, bei den Kunden der Bank auf Unverständnis zu stoßen. Vielleicht wurde auch nicht verstanden, daß der Künstler beileibe kein weltverbesserndes Programm und schon gar keinen gesellschaftskritischen Angriff vorbereitete, sondern allein eine bildhafte Vorstellung davon geben wollte, wie man Geld eben auch verstehen kann: als die uns alle verbindenden Wärme, die wir zum Leben brauchen und durch die wir würdiges Leben weitergeben können. …

Dennoch schien die Furcht der Banker vor der ungewöhnlichen Selbstdarstellung, vor der Schönheit des brennenden Kapitals bestimmend. Vielleicht wollten sie der Bank auch kein Gesicht geben, das über einen dekorativen Wert hinaus Aufschluß über einen inneren Zusammenhang gegeben hätte.


Thomas Huber – Bankdirektor

Thomas Huber
Die Bank
Eine Wertvorstellung

Das schönste Bauwerk in einer jeden Stadt ist heute die Bank. Groß und prächtig steht sie im betriebsamen Zentrum jeder Metropole.


Das Modell der Bank im Centraal Museum Utrecht Verschiedene Materialien, 323x356x190cm

Der erarbeitete Reichtum einer Gesellschaft wird heute kaum mehr zum Bau von Kirchen oder Residenzen aufgebracht. Die feudalen oder sakralen Bauten sind nicht länger mehr die Schatzkammern einer Gesellschaft. Heute ist es die Bank, die in ihrem Äußeren wie in ihrem Inneren den edelsten Ausdruck menschlichen Schöpfungs- und Leistungsvermögens zeigt. An den Bau der Bank verschenken die Bürger ihren mühevoll erworbenen Reichtum, um in der Schönheit des damit Erbauten ein gültiges Bild ihrer Werte zu erkennen. …

Die Bank ist nicht nur das größte und höchste Bauwerk in einer Stadt. Beste und ausgesuchteste Materialen stellen es in seiner auffallenden und stilbildenden Bauweise vor alle anderen Gebäude. Es ist keiner reiner Zweckbau. Die Architektur dient nicht allein der Schaffung von Schutz und Raum.

Es fällt auf, daß die hochaufragenden Wände – als Geviert einen Raum bildend – sich an ihren Ecken nicht berühren. Bei windigem Wetter herrscht in dieser Bank starker Durchzug. Es fehlt der Bank auch das Dach. Das Gebäude öffnet sich dem Himmel und nicht ihn in sich hinein.

Der Himmel und seine Wolken sind in der Bank, und bei Regen wird man darin naß. Dieses Gebäude ist nicht gegen die Unbill des Wetters gebaut. Seine Mauern erinnern an Kulissen. Die Mauern der Bank sind hochaufgerichtete Bilder. Dieser Bau ist aus einem Kanon von Bildern zusammengefügt.

Diese Bank klingt als Bild. Sie genügt sich in ihrer Fassade. Vielfältig stellt sie sich in je anderen Bildern dar, zeigt sich von jeder Seite mit einem anderen und doch das Ganze meinenden Gesicht.

Zur einen Seite stellt sich die Bank in einer Arkade vor, als wäre sie ein Haus für den Himmel.


Arkaden, 1991, Öl auf Leinwand, 150×200 cm

In der Bank scheinen die Lüfte zu wohnen. Die Wolken, die vielgestaltig sich abwechselnden Formen, treiben leise und schnell durch das Haus. Durch die Arkaden der Bank schauend, sieht man am Morgen den Aufgang der Sonne, sieht die Helle am Mittag und die Glut der untergehenden Sonne am Abend. Die Bank rahmt in der durchbrochenen Fassade das Bild ihrer eigenen Bestimmung ein. Wie am Himmel gesehen, verwahrt sie die jeden Tag aufs neue angemahnte Umwandlung und Verwandlung.

Auf der Portalseite zeigt sich die Bank in der schlicht gemauerten Westfront einer kleinen Kirche. Es scheint, als wäre diese Fassade Teil eines früheren Bauwerks, das an derselben Stelle stand, wie heute diese Bank. Man kann sich vorstellen, daß dieses Portal als einziger Rest eines Gebäudes – nach einem Brand oder einer mutwilligen Zerstörung – stehen blieb, oder aus Respekt vor der ehemaligen Bestimmung erhalten und in das diesen Ort jetzt behauptende Gebäude integriert wurde. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Vorstellungen, welche vermittelnde, von allen getragene Kraft die Belange einer Gesellschaft verwahrt und pflegt.

Es kam der geschichtliche Zeitpunkt, wo es sinnfällig wurde, die zum größten Teil leerstehenden Kirchen wieder dem Anspruch nach Transzendenz, der Vermittlung und feierlichen Veranschaulichung für die für alle verbindlichen Werte zu öffnen. Diese Neubesetzung des Ortes, den die Sakralbauten in den Städten innehielten, bedingte schon allein ihre zentrale Lage. Der Raum in den Innenstädten war eng geworden.

Hier aber hatten sich Institutionen ausgebreitet, die in den Ritualen des Geldverkehrs für sich in Anspruch nehmen konnten, jene Bilder, die bisher die Kirche pflegte und zelebrierte, weitaus authentischer und für breite Bevölkerungsschichten verbindlicher verwahren zu können.

In den Außenbezirken der Städte und in den Dörfern waren Kirchen schon zu Wohnungen und Büros umgewandelt worden. Man hatte sie in Altenbegegnungsstätten oder Ausstellungsräume verwandelt, oder einfach abgerissen und anderen Zwecken dienenden Gebäuden an gleicher Stelle errichtet.

Schließlich hatten auch die Kirchen einst den Platz der heidnischen Kultstätten für sich beansprucht und übernommen.

Jetzt war wieder eine Zeit gekommen, den Ort für die vermittelnden Zentren einer Gemeinschaft mit einem neuen Anspruch zu besetzen.

Ohne Erfolg berief sich der Widerstand gegen eine solche Veränderung auf den vor 2.000 Jahren bezeugten Ausspruch: „Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.“ Insbesondere die Forderung des Protestantismus nach dem fleißigen, sparsamen und umsichtig Handel treibenden, als dem guten Christenmenschen, hat zu dieser veränderten Welt selbst beigetragen.

Hier wird eine Geschichte erzählt. Ist sie schon geschehen oder steht sie noch bevor? Dieses Gebäude resümiert diese Geschichte als Drama auf einer großen schwarzen Bühne. Zu dieser Bühne führen Stufen hinauf. Oben angelangt erkennt der Hinaufgestiegene die Plattform als überdimensionierten Herd. Vier große Herdplatten sind darin eingelassen. Unter den Rosten leuchtet die Glut. Jenes, das da untern feuert, ist der Tresor der Bank.
Der Tresor brennt.

Die Bank ist eine Feuerstelle. Die Bank ist ein Herd. Sie ist der Opferstein mitten in der Stadt. Tragen wir nicht unser Wertvollstes dahin, um diesen Wert in der Gebärde des Weggebens durch das Opfer, immer wieder aufs neue mit Sinn zu erfüllen? Vertrauen wir unser Geld nicht den Ritualen der Bank an, im Vertrauen, das Hergegebene nach ausgehandelter Zeit um ein Mehrfaches zurückzubekommen?

Auch in ihrer Fassade zeigt sich die Bank als Herd. Diesem Bild entsprechend, hat die Fassade drei Öffnungen: In der Mitte lodert das Feuer im Ofen.

Bank, 1991 Öl auf Leinwand, 150×200 cm

Darüber sammelt sich die Hitze. In das darunterliegende Fach fällt die Asche. Die Bank ist der Ofen einer Stadt. Sie versammelt die Zerstreuten um die Wärme ihrer Glut.

Die brennende Bank ist die schönste Bank. Glutrot leuchtet sie, und zauberschöne Rauchsäulen steigen aus ihrem Inneren durch das offene Dach zum Himmel.

Im Rauch und seinen unzähligen, sich stets verändernden Formgebilden, die er in den Himmel baut, erkennt man die würdigste Architektur der Bank. Die Rauchfahnen kleiden zuweilen die Sonne in seidene Schleier und verbinden sich mit den vorüberziehenden Wolken. Eine stete Rauchsäule über den Dächern der Stadt zeigt deren Bewohnern den Ort ihrer Mitte. Der Rauch ist den Menschen der Stadt zum Inbild ihrer nie versiegenden Arbeitskraft geworden.

Ihre bisher allein im Geld verbürgte Leistungsfähigkeit und die Möglichkeiten, die das Geld eröffnet und verspricht, sind im Schauspiel es Rauches wie eingelöst.

Je nachdem welche Währung brennt, schimmert der Rauch schwarz oder weiß. Es gibt Tage, da ist er goldgelb, und manchmal ist der Rauch sogar rot. Wer hätte je geglaubt, daß wir unseren Reichtum daran erkennen können, so wie jetzt, wo wir ihn an das Spiel von zarten Rauchschleiern verschenken.


Emission, 1991 Öl auf Leinwand, 150×200 cm

Die Bank präsentiert sich von einer vorderen und von einer hinteren Seite. Sie entspricht damit der herkömmlichen Konstruktionsweise eines Ofens. Nach vorne hin, zu ihrer Schauseite, ist die Bank die gut gewärmte und schmucke Stube. Nach hinten dagegen erstrecken sich die Wirtschaftsräume. Von hier aus wird auch geheizt, es wird gefeuert und die beim Verbrennungsvorgang anfallende Asche dann von dort aus entsorgt.

Als Herdfeuer findet die Bank ein anschauliches Bild ihrer vermittelnden Aufgabe in der großen Versammlung einer Stadt. Sie ist der Mittelpunkt des betriebsamen Verhandelns und Austauschens dieser Gemeinschaft. Hier, an diesem Ort, fließen die Interessen aller zusammen.

Das Maß für dieses Interesse ist das Geld. Es ist das verbindlichste Medium unseres alltäglichen Lebens geworden. Es ist heute das Mittel, mit dem wir unser Zusammensein organisieren. Es ist die von allen auf Anhieb verstandene Sprache. Das Geld ist der Inbegriff hochgradigen Konsenses in unserer Gesellschaft. Unsere Wertvorstellung ist schier identisch mit dem Geld.

In der Bank wird dieser Wert verwahrt und verbürgt. Hier wird eines jeden einzelnen Leistung in einen verhandelbaren und kommunizierbaren Kredit umgesetzt.

Die Bank verwaltet die Sprache der Gesellschaft. Sie versichert jedem seinen Anteil an dieser Sprache, vermittelt ihm die Sprachmächtigkeit in der Verhandlung mit dem anderen. Die Bank gewährt uns die Verbindlichkeit unserer ganz individuellen Möglichkeiten und verspricht uns das uns zustehende Maß, um wieviel wir an der gesellschaftlichen Wirklichkeit teilnehmen können. Die Bank vermittelt jedem den ihm gebührenden Kredit zu seiner gesellschaftlichen Glaubwürdigkeit.

Das Geld als das Maß für den Preis wird hier als Sprache erkannt. Sie ist das Medium, mit dem heute ein gültiger Gesellschaftsvertrag ausgehandelt wird. Teil dieses Gesellschaftsvertrages kann nur werden, was einen Preis hat.

Sprache war noch nie nur der Austausch von Informationen, ein Geben und Nehmen allein oder ein Ausgleich der Konten. Ziel jedes Sprechens ist das gemeinsame Verstehen der am Gespräch Beteiligten, Verständnis, auch wenn es die Erkenntnis sich entgegenstehender Positionen ist, bedeutet die Einigung auf eine im Sprechen gefundene Wertsetzung, die die Verhandelnden aus ihrer zufälligen und arbiträren Position heraushebt und sie einer von ihnen beiden unabhängigen Gültigkeit versichert.

Jede Sprache, jedes Mittel aber ist an sich sinnlos.

Der Versuch, den Gehalt ihrer Zeichen festzulgen, festzuschreiben oder gar zu verordnen, führt zu einer totalitären Sprache und ermöglicht kein sinnvolles Gespräch. Sinn gründet nicht in der Festlegung.

Aber in der Stiftung wird der Sprache Sinn geschenkt. Diese Stiftung ist jeder Sprache in ihren Mitteln versprochen. Sprache ist der Hauch unseres Atems, die Nennkraft des Wortes, die Melodie unserer Stimme, die Leuchtkraft der Farben, das Liniengeflecht unserer Zeichen. In der Sinnenhaftigkeit ihres Scheines ist der Sprache ihre eigene Gültigkeit versprochen.

Sprache begegnet ihrem verbindlichen Ausdruck, ihrem wahrhaften Sagen dort, wo sie über ihre äußersten Grenzen steigt, und darüber hinaus im scheinbar Unverständlichen, Unaussprechlichen, frei von jedem ihr angetragenen Zweck, sich selbst begegnet. Diese Begegnung mit der eigenen Unsagbarkeit ist ihre Schönheit. Von der Schönheit her kommt der Sprache das Geschenk wahrhaften Sagens entgegen.

Die Schönheit jeder Sprache aber erkennt und würdigt allein das Künstlerische. Unser Gesprochenes spricht dank der Dichter. Ihr Sagen findet zur Wirklichkeit des Gesagten. Sie ist also die Voraussetzung zur Verständigung.

Diese Übereinkunft, die große Vorstellung vom Frieden beruht schließlich in der nicht aushandelbaren – sondern nur im Geschenk des Werkes, des Kunstwerkes – zu empfangenden Schönheit des Verlautbarten.

Soll also das Geld unsere Sprache sein, so wie es sich heute als jenes Mittel hervortut, welches unsere Verständigung organisiert, muß es sich in lauter Schönheit verwandeln:

Die brennende Bank, der stete Rauch über ihrem Dach, ist die Poesie des Geldes.

Wie unverbindlich und zufällig, wie unglaubwürdig wären die Möglichkeiten, die uns das Geld verspricht, ohne den Sinn, den das Geld in der eigenen Hinweggabe, im täglichen Opfer an seinen schönen Schein im Feuer und Rauch, sich als Schönheit zum Geschenk machen läßt. …

Erst der Einzug des Künstlers selbst in die Bank, seine Mitarbeit vor Ort, brachte die angestrebte Verbürgung des Kapitals im Schönen. Das war die Zeit, als die Banken zu rauchen begannen.

Ich bin Künstler. Ich male Bilder. Ich arbeite in einer Bank. Mein Arbeitsraum liegt in der Kassenhalle direkt über dem Tresorraum. Ich habe hier eine Feuerstelle mit vier großen Herdplatten eingerichtet. Durch die Roste kann ich in den darunterliegenden Tresorraum blicken. Jeden Morgen schüre ich das Feuer im Geldspeicher, um meinen Kessel, einen goldgelben Bottich, zu erhitzen.

Durch die Schlitze des Rostes glüht dann die rote Glut des verbrennenden Geldes.

Sie heizt den Kessel, in dem ich das Wasser – meine Bildsubstanz, die Quelle woraus ich meine Bilder schöpfe – zum Kochen bringe.


Entahme des Wassers der Bildsubstanz aus dem großen gelben Topf

Viel Kapital muß ich jeden Morgen verfeuern, um meine Bilder heiß zu machen. Das Erhitzen der Bildflüssigkeit bedarf vorsichtiger Kontrolle, sonst könnte das Werk schon im Beginn mißlingen. Mit zwei Thermometern, das eine ist gefüllt mit Essig, das andere mit Quecksilber, überprüfe ich den Hitzegrad meiner Malerei.

Die Bank war so entgegenkommend, mir zu erlauben, meine Tiere mitzubringen. Es sind:
Ein Fisch, drei Schlangen, sieben Raben, zwei Lämmer, ein Kalb, ein Schuhschnabel und ein Löwe. Jeder Art habe ich einen Platz in den sieben Schaufenstern der Bank zugeteilt. Die stille und genügsame Anwesenheit der Tiere begleitet freundlich meine Arbeit. Die Tiere flüstern mir weise die Wege meines Werkes. Die Tiere und der Künstler fühlen sich wohl in der Bank.

PHOTO S. 56
Heizkörper, 1990
Kupferstift auf grün eingefärbter Holztafel, 200×150 cm

Ich habe die Tiere aus unterschiedlichen Metallen gegossen. Entsprechend der Edelkeit des Metalls, aus dem sie geformt sind, habe ich sie der Reihe nach angeordnet.
Das unedle Metall steht am Anfang, das edle am Schluß dieser Reihe. Der Fisch ist aus Quecksilber, die Schlangen aus Blei, die sieben Raben sind aus Zinn, die Lämmer aus Silber, das Kalb aus Kupfer, der Schuhschnabel ist aus Eisen und der Löwe aus purem Gold.

Während der Arbeit verwandelt sich mein Werk. Es nimmt die Gestalt eines Tierkörpers an und verwandelt sich dann in den nächsten. In einem Reigen von Erscheinungen ist das Werk zunächst ein Fisch, verwandelt sich in drei Schlangen, dann stehen sieben Raben herum, diese nehmen die Form von Lämmern an, das eine stehend, das andere liegend, ein Kalb wird aus den beiden, ein Schuhschnabel steht plötzlich neben mir, und am Ende trägt mein Werk das königliche Antlitz eines Löwen.

Meine Kunst ist die Verwandlung. Was ich gesehen habe, verwandelt sich in ein Bild. Was ich berühre, verschwindet und kehr allein golden nur als Schein zurück. Mein Geschäft sind nicht die handfesten Argumente und auch nicht die klugen Beweise. Ich verführe durch die Schönheit des Scheinens meiner Werke. Meine Bilder sind wie vom Glanz des Goldes abgezogen.

Man hat mich in die Bank bestellt, damit ich das hier angehäufte Kapital in meinen Bildern zu Gold verspinne. Und jeden Tag bringt man mir neues Geld, es will kein Ende nehmen.

Stumpfes Metall, das müde Knistern der Geldscheine, eindlose Listen mit unanschaulichen Bilanzen verspinne ich zu goldenen Fäden.

Sind wir, die Künstler und die Bankiers, uns nicht sehr ähnlich?
Wechsler, Geldvermehrer, Goldmacher, schillernde Spekulanten des Scheins, Scharlartane gar? Verführer durch das Versprechen verwunderlicher Vermehrung?
Beide malen wir an den Bildern von glücklicherer Zeit. Wir sind die Zauberer des Scheins. Die Schöpfer und Verwalter der verbindlichen Werte unserer Zeit.

Das Wasser in meinem Kessel ist heiß geworden. Die Thermometer zeigen an, daß die Bildsubstanz in Dampfform übergegangen ist. Ich lasse den Dampf über einen Vorlauf aus dem Kessel entweichen. Ein Röhrensystem leitet den Dampf zu den Tieren, die untereinander durch Röhren verbunden sind. Der Dampf strömt durch die Tiere hindurch und wird am Ende der Kette über einen Rücklauf in das vasenförmige Kondensgefäß geleitet. Von dort gelangt das Kondenswasser wieder in den Heizkessel und wird erneut in Dampf umgewandelt.

Die Tierkörper habe ich als Heizkörper ausgebildet. Meine Tiere heizen die Bank. Der heiße Dampf erwärmt die metallenen Tierkörper von ihren Eingeweiden her.
Entsprechend der spezifischen Leitfähigkeit der Metalle, strahlen die Tierkörper je eine eigene Qualität von Wärme ab und erfüllen die Halle der Bank mit dieser vielgestaltigen Wärme.

Es sind des Künstlers Bilder, die die Bank wärmen. Heiß sind seine Bilder. Rätseltief verschenken sie sich in vertrauensstiftender Wärme.

Im Geld, als dem Stoff aus dem er seine Bilder formt, hat der Künstler ein Material gefunden, um die sich immer wieder aufs neue verschließende Welt in weiten und tiefen Bildern zu öffnen.

Jetzt sind die Zeiten vorbei, da sich das Kapital neue Märkte erschließen mußte. Jetzt eröffnet es sich in Bildern unermeßliche Räume für seine Aufgaben. In den Bildern gewinnt das Kapital nie geahnte Zinsen und verschenkt sich ihnen mit seinem goldenen Sinn.

Der Künstler tut in seinen Bildern einen Raum auf. Er reißt die geschlossene Fläche der Leinwand mit seinem Stift auf. Mit Zauberhand öffnet er die Tür zu den Räumen unserer Vorstellungen und macht sie in unserer Schau zur Wirklichkeit.

Bilder malend, verbindet er die Tiefe des entworfenen Bildraumes mit der Wirklichkeit, aus der wir diese Bildräume bisher nur in ihren Scheinen erahnten. Der Künstler öffnet die Schranke zwischen unserem Sein und unserem Scheinen. Er verbindet unsere elenden Bedingungen mit ihren versprochenen Möglichkeiten. Er erlöst zwei Medien, zwei Wirklichkeiten, die bisher unverträglich und undurchdringlich gegeneineanderstanden, aus ihrem Widerspruch. Er hält seine Hand über die Schwelle, das Bild, das sie trennt, und mit einem Mal ist die Schwelle überschreitbar. „Die neuen Märkte für das Kapital stehen in den Bildern offen“, sagt der Künstler. „In die Räume der Bilder müßt Ihr investieren, hier ist der Ort unserer zukünftigen Prosperität.“

Die heute weltumspannende Marktwirtschaft zeigte sich mit Vernunft anpassungsfähig. Am Anfang dieses Jahrhunderts wurde sie sozial und in jüngster Vergangenheit ist sie die ökologisch soziale Marktwirtschaft geworden. Die Maßgabe für den Schutz und die Pflege der Menschenwürde, auch unter dem Gesetz des Handelns, die soziale Verträglichkeit des Marktes, orientiert sich am Menschenbild.

Die Maßgabe für den fürsorglichen Umgang mit der Natur ist in unserem Naturbild verbürgt. Soziale Verantwortung und dienender Umgang mit der Natur sind in Bildern, und nur in Bildern – die wir von der Natur und dem Menschen haben -, verwahrt.

Bedenken Sie, diese Bilder können wir nicht machen. Sie sind für uns in ihrer Schönheit nur ein Geschenk und nur in der Schönheit gültig. Dieses Geschenk schenken kann nur das Werk. Schönheit ist gültig nur im Werk, im Kunstwerk.

Das Werk ist die Gabe des Schöpferischen. Die Maßgabe für den sozial wie den ökologisch verantwortlichen Umgang in der Marktwirtschaft setzt das Künstlerische. Die Einheit für diese Maßgabe ist das Geld. Die Entscheidung, dem Künstler in der Bank das Geld zu überlassen, zeigt zum erneuten Mal die Vernunft der Handelnden. Denn wie gezeigt ist das Geld bei den Künstlern in den besten Händen.

Ich habe Gefäße mit in die Bank gebracht. Darin messe ich die Tiefe meiner Bilder, die Bildtiefe, die Tiefe ihres Sinns. Auf den Stufen zum Herd hinauf sind sie aufgestellt. Als zarte Silhouetten kann man sie in den Fensterscheiben erkennen. Der Blick von außen schließt in jedem Gefäß ein Tier ain, als wäre es darin eingefangen.

Mit den Gefäßen schöpfe ich die Bilder, gieße ein und gieße um, von einem Gefäß ins andere. Siebenfach ist die Verwandlung der Bilder von ihrem Anfang bis zu ihrer Vollendung.

Unsere allerersten Vorfahren versorgten sich mit soviel Nahrung, wie sie für ihren täglichen Bedarf benötigten. Erst das Erlebnis der Schuld am Töten des Tieres für die eigene Nahrung führte zur Mehrproduktion. Jenes, was darüber hinaus erlegt, getötet wurde, diente zur Besänftigung des Zornes der Götter, ob diesem Mord, und die Götter wurden im Opfer dieser mehr als nötig erlegten Tiere mit in die Verantwortung des Tötens genommen. Das Überschreiten einträglichen Zusammenlebens mit der Natur bis zu deren Ausbeutung gründet in einem Pfand, das man den Göttern für einen Bund angeboten hatte.

Versichert wurde dieses Pfand im Bild des Opfers. Die Ware, womit wir heute gedankenlos verhandeln, beziehungsweise ihr Preis, ist von seinem Grunde her das Eingeständnis einer großen Schuld und das an ein Bild abgegebene Vertrauen, von dieser Schuld erlöst zu werden.

Ich schüre meinen Ofen. Die Hitze in der Bank wird größer. Die in den Schalen eingeschlossenen Tiere schmelzen. Sie verbrennen in der Hitze des glühenden Kapitals. Ich achte mit Hilfe der Thermometer darauf, daß die Hitze während zweier Stunden konstant bleibt.

In der Bank ist es jetzt sehr warm geworden. Der Rauch über den Dächern der Stadt verdeckt schon die Sonne. Die Tiere brennen.

Das heiße Tierfett und die bei der Verbrennung anfallende Asche verbinden sich. Aus dem Bottich gebe ich Wasser zu. Der Sud verkocht jetzt in den Schalen zu einer gallerigen Masse. Nach zwei Stunden wird das Feuer im Ofen gelöscht. Die Gallerte kühlt ab und gerinnt zur Seife.

Das Kapital ist zur Seife verkocht, die gelblich, weißlich und manchmal sogar rötlich ist.


Claudia von Koolwijk und Thomas Huber demonstrieren die Verwendungsmöglichkeiten der Seife

Sowie die Seifenmasse ausgehärtet ist, zerschlage ich die gläsernen Gußformen und löse die Seifenblöcke vorsichtig heraus. Gut sichtbar für jedermann werden sie dann in der Mitte der Kassenhalle aufgestellt.

Der Künstler wurde in die Bank bestellt, um die verlorene Verbindlichkeit unseres Sagens und Verhandelns in den Bildern, in ihrem Scheinen, als Schönheit zurückzuholen. Was ist ein Bild?
„Ich werde es Euch sagen“, sagt der Künstler: „Ist es ein Ding, oder weniger noch als ein Hauch? Es ist beides und keines von beiden zugleich. Hab ich es zwar gemacht, so entzieht es sich mir ganz in seinem Scheinen. Das Bild verschenkt sein Vorhandensein an die Schönheit seines Scheinens. Sein Wesen ist die Schwelle zwischen seinem Vorhandensein und seiner Bedeutung. Es ist die Grenze zwischen Sein und Scheinen.“ Manch Stumpfer glaubt, das Bild wäre die Trennung zwischen der Bedingtheit unseres Seins und unserer Hoffnung. Der Künstler aber hat es als die Verbindung von beiden erkannt.

Stellen sie sich vor: Ich gieße Wasser in ein Gefäß. Danach gieße ich eine gleiche Menge Öl darüber. Nach einer Weile steigt das goldschimmernder Öl nach oben und trennt sich mit einer klaren Grenze vom Wasser. Im Glas können wir jetzt Wasser und Öl, zwei Wirklichkeiten, die keine Verbindung miteinander eingehen mögen, betrachten. Ein winziger Tropfen Seife reicht aus, um die beiden sich widerstrebenden Medien miteinander zu verbinden. Öl und Wasser verbinden sich jetzt zu einer Emulsion. Die Seife ist ihr Emulgator. Emulsionen sind die Ausgangsbasis für die vermalbaren Farben. In der Mal-Emulsion, in dieser Verbindung, ist bereits die Bestimmung der Malerei selbst verwahrt.

Malerei emulgiert unsere Wirklichkeit mit den genaueren Möglichkeiten, die wir uns von ihr machen. Malerei öffnet die Grenzen zwischen Sein und Scheinen und versammelt den möglichen Übertritt von einem zum anderen in sich. Malerei ist die aufzeigbare Schwelle und kein lediglich metaphorischer Ort des Übertritts in die Transzendenz. Malerei ist der Schlüssel, das Elixier, das Geheimnis der Wandlung. Wie das Beispiel der Seife zeigt, die zwei Medien miteinander verbinden kann, erschließt die Malerei unsere Wirklichkeit dem Schein ihrer Bestimmung.

Der Künstler hat sein großes Werk vollbracht. Er hat das Kapital in die reiner Bildsubstanz umgeschmolzen. Hier stehen die riesigen Seifenblöcke, Möglichkeiten unendlich vieler Bilder. Die Seife ist der pure Stoff, aus dem die Bilder sind. Die Bilder sind für uns der verbliebene Ort der Schönheit. Das Kapital ist schön geworden.
Und es duftet … doch.

PHOTO S. 62
Goldfliegen auf Dung, 1990
Goldstift auf gelb eingefärbter Holztafel, 150×100 cm

Quelle:

Thomas Huber
Der Duft des Geldes
Die Bank – Eine Wertvorstellung
Verlag Jürgen Häusser
Frankfurter Straße 64
Darmstadt
ISBN 3-927902-62-4
Kunsthaus Zürich – Kestner Gesellschaft Hannover – Centraal Museum Utrecht

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich

Dieser Beitrag wurde unter Der Duft des Geldes, Die Bank Eine Wertvorstellung, Thomas Huber veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Thomas Huber – Der Duft des Geldes

  1. Pingback: Thomas Huber – Die Bank – Eine Wertvorstellung | Rheingold Blog

  2. Lieber Thomas.

    der Unterschied zwischen 20.- Fr in Monopoly und 20 Fr. von der Nationalbank liegt lediglich in der Kunst des Druckens, somit: Kunst ist Geld q.e.d.

    herzlich eine „alte“ Bekannte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s