Muschelgeld

Durchlochte Schneckengehäuse und tütenförmige Muscheln von Mittelmeer und Atlantik fand man in Gönnersdorf, Kreis Neuwied. Sie stammen aus dem Magdalénien und wurden als Halsketten getragen. Aus der gleichen Zeit gibt es zahlreiche Funde von durchbohrten Muscheln, Zähnen, Steinen und Knochen. Ähnliche Entdeckungen stammen aus der Mittelsteinzeit. So fand man im Mainzer Becken in der Burghöhle von Dietfurt und im Kreis Sigmaringen im Probstfels bei Beuron Schnecken vom Mittelmeer und der spanisch-portugiesischen Atlantikküste. Auch aus der Jungsteinzeit sind zahlreiche Funde bekannt, die belegen, daß Schnecken aus weit entfernten Regionen mit örtlich vorkommenden Arten kombiniert wurden. Sie wurden zu Schmuckketten verarbeitet oder auf Kleidungsstücke genäht.


Wir gehen im allgemeinen davon aus, daß Waren in der Vorzeit auf Märkten getauscht wurden und sprechen von primitivem Tauschhandel. Tatsächlich wird aber nur beschrieben, was man sieht und nicht, was sich wirklich abspielt. Nehmen wir einen Markt in einer landwirtschaftlich orientierten Umgebung an, so gibt es dort nichts zu tauschen, weil jeder das gleiche produziert. Ein Händler aus einer anderen, mehr handwerklich orientierten Region erscheint zum ersten Mal auf diesem Markt mit Mustern. Ein Vertrag wird in der Form geschlossen, daß er z. B. eine bestimmte Menge Lebensmittel mitnimmt, um dann bei seiner nächsten Reise die vereinbarten Gegenstände, die in dieser Region nicht verfügbar sind, zu liefern. Ich halte es für möglich, daß der Händler so lange ein Familienmitglied als Garantie zurückließ, bis er als kreditwürdig und zuverlässig anerkannt war. Als Erinnerungszeichen für die offene Schuld zog man eine Muschel, einen durchbohrten Zahn oder ähnliches auf eine Schnur. Die Halskette stellte also nichts anderes dar, als ein Konto mit Soll und Haben, mit dem Unterschied, daß die Buchungen nicht senkrecht, sondern waagerecht vorgenommen wurden, wenn man die Halskette aufknüpfte. Bei seiner nächsten Reise erfüllte der Händler also den alten Vertrag und ging einen neuen Kontrakt ein. Was so aussah, wie ein Tauschgeschäft, bezog sich tatsächlich auf zwei vollkommen unterschiedliche Verträge. Die Partner entfernten die entsprechenden Zeichen aus ihren Ketten oder beließen sie dort, wenn es zu einem neuen Vertrag kam. Der ursprüngliche Bürge eröffnete möglicherweise eine Filiale, die dann in Zukunft einen bestimmten Vorrat hielt. Dann kam es zum umgekehrten Verfahren. Er lieferte, so lange der Vorrat reichte und wurde bezahlt, wenn geerntet wurde.

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