Eine jüdische Schnurre

Es war tief im Winter

Zwei Juden werden in einem Gasthaus in Kutno miteinader bekannt. Sie wohnen dort fünf Tage zusammen und freunden sich dick an. Wie sie heimreisen – der eine wohnt in Grodno, der andere in Lublin – nehmen sie herzlichen Abschied; der eine sagt zum andern: “Reb Jossel, Ihr müßt mir versprechen, mich aufzusuchen, wenn Ihr nach Grodno kommet.”

Drauf Reb Jossel: “Natürlich, Reb Ber; warum denn nicht?”

“Das genügt mir nicht, Reb Jossel; Ihr müßt es mir mit einem Handschlag versprechen, daß Ihr mich aufsuchen werdet, wenn Ihr in Grodno seid.” Reb Jossel gab Handschlag und Versprechen.

Nach ein paar Monaten – es war tief im Winter – kam er auf einer Reise durch Grodno. Dort hatte er geschäftlich nur ein paar Stunden zu tun; da er sich aber des Handschlags erinntert, den er Reb Ber gegeben hatte, wollte er sein Wort einlösen. Es fror stark. Reb Jossel mußte lange herumfragen, bis er erfuhr, wo Reb Ber wohnte. Das Haus lag am anderen Ende der Stadt.

Reb Jossel machte sich auf den Weg; er fror wie ein Hund. Nach einer guten Stunde – es war indes Abend geworden – erreicht er endlich Reb Bers Haus. Er klopft, einmal, zweimal, dreimal. Endlich fragt jemand durchs Fenster: “Wer klopft?”

“Ich bin’s, Reb Jossel! Erinnnert Ihr Euch, Reb Ber? Vor drei Monaten haben wir uns in Kutno im Gasthaus kennengelernt.”

Darauf Reb Ber: “Kann möglich sein. Was wünschen Sie?”

“Wünschen? Gar nichts! Ich habe Sie besuchen wollen, damals habe ich es Ihnen doch mit Handschlag versprochen!”

Da streckt Reb Ber die Hand durchs Fenster hin: “Handschlag? Da haben Sie ihn zurück. Glückliche Reise!”

Dazu schreibt der Herausgeber in einer Fußnote:

“Ein Versprechen mit Handschlag kommt bei den Juden fast einem Gelöbnis gleich und bedarf einer formellen Lösung durch den Empfänger, damit es nicht erfüllt werden muß.”

In dieser Schnurre entsteht eine Verpflichtung per Handschlag. Der Schuldner tut alles, was in seinen Kräften steht, um die Schuld abzutragen, beim Gläubiger zu erscheinen, auch wenn es ein jammerkalter Winterabend ist. Der Gläubiger ist nicht bereit, die Leistung zu akzeptieren.

Das Problem in unserer Wirtschaft ist in der Tat immer wieder der Gläubiger; das Problem des Schuldners entsteht eigentlich erst, weil und nachdem der Gläubiger sich ziert, Leistung zu akzeptieren.

aus: Paul C. Martin “Der Kapitalismus – Ein System, das funktioniert” Ullstein Sachbuch Berlin ISBN 3548346294

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